Klangstrom und Szenen-Sog

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Musiktheater der Sinne im Bockenheimer Depot: Schauspieler David Bennent im Frankfurter Bühnenbild von Klaus Grünberg.

Frankfurt - Eine stringente Opernhandlung gibt es nicht im Musiktheater „Landschaft mit entfernten Verwandten“ des 1952 geborenen Heiner Goebbels. Bei Skurillem, Bildreichem und schrägem Volk wird es nie langweilig. Von Axel Zibulski

Vor elf Jahren wurde es in Genf uraufgeführt; seither hat es der Wahl-Frankfurter Goebbels, der einst Häuser besetzte und heute die Nähe zum Flughafen schätzt, mehrfach überarbeitet. .

Die 2010 entstandene Frankfurter Fassung der „Landschaft mit entfernten Verwandten“ hatte nun in einer Aufführung der Oper Frankfurt und des Ensemble Modern im Bockenheimer Depot Premiere. Regie führte der Komponist selbst, in den Bühnen- und Lichtbildern von Klaus Grünberg, in den zitatenreichen Kostümen Florence von Gerkans. Der Titel lässt an Bilder früherer Maler denken, und tatsächlich gibt es projizierte Renaissance-Architektur zu sehen, treten Damen im Rokoko-Look auf. Aber eben auch Soldaten, Trommler, Vermummte, Derwische. Zeiten und Räume stehen über Epochen szenisch dicht zusammen, wie in einem unsortierten Museum vielleicht. Nur dass Goebbels’ Musiktheater alles andere als museal wirkt, vielmehr archaisch (in den Trommel-Passagen), geheimnisvoll (in einem Indien-Bild), bissig-ironisch (in der abgehalfterten Wildwest-Szene), auch kontemplativ und verstörend. Ein Kaleidoskop von Szenen eben.

Unklare Rollenzuweisungen bestechen

Klare Rollenzuweisungen gibt es nicht, als Solisten treten punktuell lediglich Bariton Holger Falk und Schauspieler David Bennent auf, der einst den Oskar Matzerath in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“-Verfilmung spielte. Die zahlreichen Gruppen-Szenen werden von den Musikern des Ensemble Modern gespielt, getanzt, gesprochen, gesungen: Diese Einbeziehung der Instrumentalisten in die szenische Darstellung hat Goebbels für seine Frankfurter Fassung noch einmal gestärkt, und so sieht man die Mitglieder des Ensemble Modern unter der Leitung von Franck Ollu mit Sturmmasken vor einem Landschaftsbild spielen, Glocken in grell-goldenem Licht schlagen oder eben Trommeln martialisch bedienen. Auch die Texte bilden ein munteres abendländisches Potpourri mit kurzer Hindi-Note. T.S. Eliot ist darunter, Michel Foucault oder Leonardo da Vinci. Wie sich das alles in gut 100 pausenlosen Minuten zu einem szenischen Sog, zu einem Klangstrom und zu einer spannungsvollen Folge sinnlicher Erfahrungen verbindet, lässt sich noch in einigen Folgevorstellungen erleben, die allerdings nahezu ausverkauft sind.

‹ Weitere Aufführungen am 4., 5., 6., 8. und 9. Mai.

Quelle: op-online.de

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