Ein Klima der Gewalt

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Männer sind sich nur in ihrem Urteil über Frauen einig: Marc Oliver Schulze, Isaak Dentler, Claude De Demo

Man feiert Mariannes Verlobung mit Oskar an den Donauwiesen, und sehr oberflächlich betrachtet scheinen zunächst alle Zeichen auf Anfang zu stehen. Doch in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in der Inszenierung von Günter Krämer liegt das trockene Herbstlaub bereits auf dem Boden. Von Astrid Biesemeier

Tatsächlich kann von hoffnungsfrohem Anfang keine Rede sein. Denn unter dem so leicht und luftig klingenden Titel verbirgt sich eine sehr traurige Geschichte. Marianne, die mit dem Metzger Oskar verlobt wird, die im Vertrauen auf Gott ihrem Gefühl folgt, mit Oskar bricht, um in den Armen des Falschen zu landen, nämlich in Alfreds Armen, der ein ausgemachter Hallodri ist. Am Ende hat Marianne alles verloren: ihre Hoffnung, ihr Gottvertrauen, ihre Würde und das Kind, das sie von Alfred bekam.

So wie Herbstlaub und Verlobung nicht zusammenpassen, klafft in Ödön von Horváths Stück weit auseinander, was die Figuren von sich glauben, was sie sagen und wie sie handeln. Eindrucksvoll genau macht Krämer das mit seinem Ensemble sichtbar. So spricht beispielsweise Oskar (Sascha Nathan findet eine wunderbar dezente Haltung für seine Figur) von seiner Liebe zu Marianne. Doch wenn dann kurz darauf von Saustecherei die Rede ist, scheint er, ohne es vielleicht selbst zu wissen, von Marianne zu sprechen, so dass seine Worte „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen“ wie eine Drohung klingen.

Sehr genau lotet Krämer das frauenfeindliche Klima aus

Überhaupt zeichnet Krämer das Bild einer mal mehr, mal weniger latent und bisweilen sogar erschreckend offen aggressiven Gesellschaft, die zwar Gott oft im Mund führt, noch öfter aber streitet, schimpft, erniedrigt. Männer wie Erich (Oliver Kraushaar) und der Rittmeister (Michael Benthin) tragen in Hahnenkampfmanier Verbalschlachten über Krieg und Heldentum aus. Was angesichts der von aufziehendem Nazitum vergifteten Wiener Luft nicht verwundert.

Sehr genau lotet Krämer das ausgesprochen frauenfeindliche Klima aus. Es ist nicht so, dass es in dieser Gesellschaft keinen Platz für Frauen gäbe. Aber für die allzu gefühligen, sehnsüchtigen und naiv-guten wie Claude de Demos Marianne ist wenig Platz. Constanze Beckers Valerie hingegen hat sich arrangiert: Zwar reklamiert sie mal Schamgefühle für sich, nestelt wenig später jedoch recht kokett an ihrem Strumpfhalter. Sie legt ihren Kopf zunächst in den Schoß von Mariannes Vater, um schon kurz darauf Erich ein Zimmer anzubieten. Kostenlos. Sie faselt von weiblicher Solidarität, als es um Marianne geht, aber Ex-Liebhaber Alfred darf wenig später doch den Arm um ihre Hüften legen. Und dann ist da die Großmutter, die Krämer angesichts der rohen Härte dieser Figur sinnigerweise mit einem Mann (Michael Abendroth) besetzt hat, der wie ein Menetekel oder aber der Ursprung all dessen, was passiert, den ganzen Abend im schwarzen Kleid und Häubchen an der Bühnenrampe sitzt.

Weitere Aufführungen am 12., 20., 21., 29. Dezember.

Mit dem fast durchweg starken Ensemble gelingt es Krämer all die Verlogenheiten, Widersprüche und Abgründe der Figuren in einer konzentrierten Inszenierung herauszukitzeln. Ist es anfangs ebenso böse wie komisch, wie hier Reden und Tun auseinander klaffen, so schnürt es einem nach der Pause den Hals zu.

Quelle: op-online.de

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