Komisch an Wirklichkeit gescheitert

Haben Sie sich mal wie eine Cellosonate gefühlt? Dann sind Sie auch eine dieser lebensuntüchtigen Romanfiguren von Wilhelm Genazino.

Panikberater, freischaffender Apokalyptiker – oder promovierter Philosoph und Wäschereiangestellter wie Gerhard Warlich, 41, Protagonist des eben erschienenen Werks „Das Glück in glücksfernen Zeiten“. Dass Hausherrin Maria Gazzetti im vollbesetzten Frankfurter Literaturhaus die Handlung bis zum Ende referierte, kommentierte der Autor mit dem ihm eigenen Humor: „Zum Buch selbst ist jetzt, glaube ich, erschöpfend alles gesagt worden...“

Stetes Glucksen begleitete Genazinos knapp einstündige Lesung. Diese Heiterkeit resultierte aus der Selbstentlarvungsprosa des Ich-Erzählers, die sein dauerndes Scheitern am „Zwangsabonnement der Wirklichkeit“ so verdeutlicht, dass es jeder Leser/Zuhörer merkt, nur er nicht. Etwa am O’Neill-Theaterabend mit seiner tüchtigen Traudel, als er sich in die (richtige) Vorstellung hineinsteigert, sie wolle unbedingt Kinder von ihm. Auch dass ihm ständig seine Mutter im Kopf herumspukt, ist wenig hilfreich.

Direkter als sonst sind die Sexszenen ausgefallen. Doch sie sind bei Genazino frei von jeder Peinlichkeit. Erstaunlich sein Talent, auf natürlichem Wege zu einem Satz wie diesem zu gelangen: „Durch die Brust der Frau tritt die Sanftheit in die Welt.“

Treffend die Beobachtung einer Besucherin, dass der inzwischen 66-Jährige vorzugsweise über 40- bis 45-Jährige schreibt. Dies sei halt das ergiebigste Alter, argumentierte er; noch fühle er sich nicht in der Lage, Probleme von Mittsechzigern zu schildern. Da muss er wohl erst 80 werden!

(Markus Terharn)

Quelle: op-online.de

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