Marcel Reich-Ranicki gestorben

Kommentar: DER Kritiker ist tot

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Christian Riethmüller

Offenbach - Der Mann war eine Instanz. Ganz gleich, ob man Marcel Reich-Ranickis Überzeugungen zu Literaturen und Autoren teilte oder doch vom Gegenteil überzeugt war, sein Urteil hatte Gewicht.

Und dies nicht, weil der berühmte Kritiker Lob oder Tadel besonders medienmächtig verteilen konnte. Gewiss war Reich-Ranickis Tätigkeit erst für die „Zeit“ und dann viele Jahrzehnte lang für die „FAZ“ so wichtig für sein Renommee wie die Arbeit fürs ZDF seine Popularität befeuerte, doch zuvörderst war „MRR“ ein fanatischer Leser, der Literatur über alles liebte. Wenn er etwa im „Literarischen Quartett“ über ein Buch urteilte, dann auf der Grundlage, Abertausende Bücher - gute wie schlechte - gelesen zu haben. Es war diese immense Kenntnis, die seine Kritik unterfütterte und ihn für viele Leser als willkommenen Führer durch den Dschungel der Neuerscheinungen prädestinierte. Dass Reich-Reinicki bei aller Intellektualität mit seinen TV-Auftritten ein Massenpublikum ansprechen konnte, hatte mit seinem Mut zum klaren Urteil zu tun. Man glaubte ihm, dass er temperamentvoll für die gute Literatur und nicht für seinen Dickkopf oder gar seine Eitelkeit stritt. Selbst als er vor einem Jahrzehnt begann, einen von ihm bestimmten Kanon herausragender Werke der deutschsprachigen Literatur herauszugeben, empfanden dies nur wenige Kritiker als Anmaßung des „Literaturpapsts“. Reich-Ranickis Empfehlung galt schließlich dem Leser.

Mit dem Tod von Deutschlands berühmtestem Literaturkritiker endet eine Ära. Vor allem in der Person von Marcel Reich-Ranicki verließ die Kritik für einige Zeit die Gelehrtenstube, verschaffte sich Gehör auf dem Markt der Eitelkeiten und vermittelte mit einem Mal vielen Menschen die Bedeutung von Literatur. Zumindest konnte man diesen Eindruck haben, wenn plötzlich allenthalben über den neuen Roman von Günter Grass oder Martin Walser gesprochen wurde. Solche Debatten sind seltener geworden und wenn, dann drehen sie sich oft um Anwürfe gegen einen Autor und ein Werk und nicht mehr um desen Qualität.

Mit Marcel Reich-Ranicki ist nicht nur ein, sondern vermutlich d e r Kritiker gestorben. Einen wie ihn wird es nicht mehr geben, schon allein, weil Marcel Reich-Ranickis bewegte Lebensgeschichte wesentlich für seine unerschrockene Haltung war. Nicht dass es den deutschen Feuilletons an fähigen, lesens- und hörenswerten Literaturkritikern mangelte, die wie Reich-Ranicki vom Literaturbetrieb Bestes einfordern. Doch die schreiben und senden für ein in unterschiedlichste Interessengruppen aufgeteiltes Publikum und erreichen nicht mehr die Masse. Die schaut lieber auf die Empfehlungen beim Online-Händler.

Quelle: op-online.de

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