Suhrkamp kämpft ums Überleben

Kommentar: Das Ende einer Kultur

Der Suhrkamp Verlag wird überleben. Seine Identität aber - das, was der Literaturwissenschaftler George Steiner einmal als „Suhrkamp-Kultur“ bezeichnet hat - dürfte kaum zu retten sein. Von Johannes Bruggaier

Das ist tragisch, weil der Niedergang ja keineswegs dem Zeitgeist, der Globalisierung oder etwa dem Internet geschuldet ist. Er ist vielmehr Ergebnis einer Auseinandersetzung um Geld, Macht und Eitelkeit. Hätte ein Autor dieses Familienstück im Suhrkamp-Lektorat als Roman eingereicht: Sein Manuskript wäre wegen allzu unglaubwürdiger Wendungen zurückgeschickt worden.

Mit dem Insolvenzverfahren strebt Verlagschefin Ursula Unseld-Berkéwicz jetzt die Umwandlung ihres Unternehmens in eine AG an. Das ist insofern ein kluger Schachzug, als ihr Kontrahent Hans Barlach damit faktisch entmachtet wird. Und tatsächlich hat es auf den ersten Blick den Anschein eines vernünftigen Modells, wenn demnächst ein von Aktionären bestellter Aufsichtsrat über das Geschäft des Vorstands wacht. Doch ein Buchverlag funktioniert anders als ein Autokonzern. Siegfried Unseld, der große Verlags-Patriarch, hatte die vielzitierte „Suhrkamp-Kultur“ nicht etwa in Abstimmung mit Verwaltungsgremien entwickelt. Was ihn trotz jahrelanger Schreibblockaden (Wolfgang Koeppen) und wüster Beschimpfungen (Peter Handke) an Autoren festhalten ließ, das waren zutiefst undemokratische, geradezu autoritäre Kriterien: Glaube, Überzeugung, Geschmack. Weder Martin Walser noch Hans Magnus Enzensberger und schon gar nicht Uwe Johnson würden heute die Backlist des Verlags schmücken, hätte in den sechziger und siebziger Jahren ein Aufsichtsrat für betriebswirtschaftliche „Vernunft“ gesorgt.

Zu befürchten ist nun, dass Suhrkamp das Schicksal der Aktiengesellschaft „Eichborn Verlag“ ereilt. Dort hatte man erst aus lauter Sorge vor unrentablen Autorenverträgen in Ratgeber und Merchandising-Produkte investiert. Bis das Image der Marke in den Keller und der Verlag in die Pleite rauschte. Heute ist Eichborn - Höchststrafe! - ein Anhängsel von „Bastei Lübbe“. Keine guten Aussichten für Unselds Erbe.

Quelle: op-online.de

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