Zum Tod des Autors Siegfried Lenz

Kommentar: Freuden der Pflichtlektüre

Unter den großen deutschen Schriftstellern seiner Generation war Siegfried Lenz sicher der netteste. Von Markus Terharn

Während Heinrich Böll mit Moralisieren nervte, Günter Grass politischen Unfug verbreitet oder Journalisten beschimpft und Martin Walser zunehmend einer peinlichen Altherrenerotik verfällt, lässt sich über den gebürtigen Ostpreußen, Wahl-Hamburger und Dänemark-Freund wirklich nur Gutes sagen. Das gilt genauso für seine Werke, die in den letzten Lebensjahren zwar sichtlich an Umfang, nicht jedoch an Gewicht verloren haben. Derweil die Kollegen Literatur sehr unterschiedlichen Niveaus verfasst haben, unterliegt die Qualität von Lenz’ Schaffen kaum Schwankungen. Dass ihm – anders als Böll und Grass – der Nobelpreis als höchste Anerkennung seiner Zunft verwehrt geblieben ist, dürfte er mit dem ihm eigenen Humor genommen haben. Die Herzen der Leser hat er immer gewonnen, die Köpfe der Kritiker meistens.

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„Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“ Diese Eigeneinschätzung verrät viel über Lenz. Seit Anfang der 50er-Jahre hat er den Deutschen die Welt und der Welt die Deutschen erklärt. Er hat das ohne erhobenen Zeigefinger getan, ohne zur Schau gestelltes Gutmenschentum, allein kraft seiner ruhigen, souveränen Erzählerstimme. Seine Romane, allen voran der internationale Bestseller „Deutschstunde“ und der Erinnerungsband „Heimatmuseum“, wie viele andere auch verfilmt, dürfen in keinem gut sortierten Bücherregal fehlen. Und die Kurzgeschichten aus der Sammlung „So zärtlich war Suleyken“ sind Schullektüre, aber keine von der Sorte, die jungen Leuten den Spaß am Lesen auf ewig vergällt. Nicht zufällig handelt die schönste von ihnen, „Nur noch ein Kapitelchen“, vom Vergnügen an der Lektüre unter widrigsten Umständen.

Unter solchen stand die Jugend des Mannes, der durch das Erleiden von Nationalsozialismus und Krieg zum Schreiben gekommen ist. Niemand hat ihn dazu gezwungen; anders als Siggi Jepsen, den Protagonisten der „Deutschstunde“. Der soll einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ abliefern, was Lenz 1968 zu seinem Hauptwerk ausgearbeitet hat. Darin setzt er sich mit der zentralen Frage der Schuld auseinander, die als Motor seiner Produktivität gelten darf. Siegfried Lenz zu lesen war und ist Pflicht und Freude zugleich. Sein gestriger Tod wird daran so bald nichts ändern.

Quelle: op-online.de

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