„John Gabriel Borkman“

Komödie des Niedergangs

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Auf Distanz: Wolfgang Michael als John Gabriel Borkman und Josefine Platt als Ella Rentheim, dazwischen Corinna Kirchhoff, Claude De Demo und Christian Erdt

Frankfurt - Dunkel ist der Raum erst einmal. Aus den Lautsprechern windet sich eine Aufmischung der Lisztschen Klavierfassung von Camille Saint-Saëns „Danse macabre“. Komponist Bert Wrede hat die Musik mit gespenstischen räumlichen Wirkungen versehen. Von Sebastian Hansen

Schließlich hebt sich der Vorhang und gibt den Blick auf einen weiten klassizistischen Stuck- und Säulensalon frei. Die kahlen Wände sind fleckig grau: ein Bild einstiger Größe. Ein Bunker, von Annette Murschetz ausgestattet mit kaum mehr als einem Stilsofa und zwei Stühlen, die Läden sind rundum verschlossen.

Mit den ersten Sätzen, die gesprochen werden, ist offenbar, dass es sich um Theater vom alten Schlage handelt. Die Regiehand von Andrea Breth, die am Frankfurter Schauspiel Ibsens „John Gabriel Borkman“ inszeniert hat, ist eine wiedererkennbare. Hier wird noch psychologisiert, alles ist auf die Schauspieler, auf die genaue Analyse der Figuren, ihres Handelns und ihrer Motive fokussiert. Jede Geste, jeder Tonfall mit gedehnten Vokalen, jede lauernde Wendung der Stimme von Corinna Kirchhoff und Josefin Platt als die um den Mann wie den Sohn konkurrierenden Schwestern Gunhild Borkman und Ella Rentheim spielen, ist allerfeinst abgewogen. Die beiden sitzen so meilenweit voneinander entfernt, wie sie zueinander stehen, in einer klassischen Diagonalen.

Eine unzweifelhafte Deutlichkeit in jedem Moment ist das Kennzeichen dieser Theatersprache. Im ersten Augenblick könnte man das für museal halten. Die Sache verfängt aber wie ehedem.

Penibel entwickelt Andrea Breth jedes Detail aus dem Text heraus. Natürlich stellt sich angesichts des einstigen Bankdirektors John Gabriel Borkman, der betrügerischer Machenschaften mit Kundengeldern wegen im Gefängnis gesessen hat, und im Übrigen von Allmachts- und Weltbeflügelungsfantasien getrieben ist, die Assoziation zu den heutigen Millionenverdienern in den von ihnen zuschanden gerittenen Banken ein. Der Verweise auf die Gegenwart aber enthält sich die Inszenierung. Sie bleibt, angefangen mit Moidele Bickels Kostümen, ganz und gar in Ibsens Zeit, der eines mit dem Sinnverlust ringenden Bürgertums im Zeichen der Industrialisierung.

Breth legt die Komödie frei, die in diesem Stück schlummert. Weil diese Trias von Egomanen zur Liebe unfähig ist, klammert sich ein jeder an etwas fest, bis an den Rand der Irre. Wenn der Borkman von Wolfgang Michael, der wie ein eingepferchter Wolf wirkt, sich hineinsteigert in seine Pläne für ein prosperierendes Land, auf dass es allen gut gehe, ist das in seiner Selbstgerechtigkeit von groteskem Aberwitz. Sein ungleiches Gegenüber, den gescheiterten Dichter Foldal, gibt Peter Schröder in pointierter Unterwürfigkeit mit Aktentasche und Thermoskanne. Eine wunderbare Nebenrollenstudie.

Nachdem Erhart, der Sohn und Hoffnungsträger für eine Rehabilitation der Familie, im dritten Akt seinen hedonistischen Aufbruch und Weggang mit zwei Frauen verkündet hat, treibt Corinna Kirchhoff die Komödie in einem melodramatischen Furor auf die Spitze – hernach kippt sie mit einem langgezogenen Schrei ins Drama wieder um. Nicht allein Borkman, wie in der Vorlage, geht in Schnee und Eis hinaus. Die komplette Trias windet sich in einem lange gehaltenen Bild in frostiger Düsternis. Keine Erlösung.

Weitere Aufführungen am 18,. 22. und 24. April

Das ist – ein fast ausgestorbener, aber durchaus nicht hohl wirkender Begriff – großes Theater. Da ist keiner, der nicht schier großartig wäre an diesem Abend, der über drei Stunden hinweg – gespielt wird die flüssige Übersetzung, die Heiner Gimmler 1985 für Ingmar Bergmans Münchner Inszenierung angefertigt hat – nicht einen Moment durchhängt. Bis zu den kleinsten Auftritten. Ein guter Schauspieler, das bekommt man einmal mehr vor Augen geführt, ist immer auch ein guter Komödiant.

Quelle: op-online.de

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