Konsequent umgedacht

Offenbach - „Nathan der Weise“ – das ist doch dieses Gutmenschenstück mit Toleranzappell, an dessen Ende „unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen“ der Vorhang fällt? Wer Gotthold Ephraim Lessings Klassiker so in Erinnerung hat, der dürfte sich im Offenbacher Capitol die Augen gerieben haben. Von Markus Terharn

Die Württembergische Landesbühne Esslingen, zu Gast in der Reihe „Theateressenz“, bürstet ihn gegen den Strich. Intendant Manuel Soubeyrand stellt das dramatische Gedicht von 1779 in Zusammenhänge, in die es durchaus gehört: Der Holocaust ist so präsent wie der religiöse Fundamentalismus. .

Düstere Grundstimmung lastet auf der mit Ästen übersäten Simultanbühne (Michaela Springer ). Den Bericht vom Pogrom, dem Nathans Familie zum Opfer gefallen ist, zieht die Regie an den Anfang vor. Dazu zitieren die auftretenden Schauspieler Erinnerungen von Augenzeugen an die Shoah.

Irritierend fremd wirken die Personen. Nathan (Ralph Hönicke) ist kein alter Jude, sondern ein Mann in mittleren Jahren, der oft an Geld denkt. Seine angenommene Tochter Recha (Margarita Wiesner) lebt in Latzhose und rosa Gummistiefeln ein autistisches Girlie-Leben im Glashaus. Die Christin Daja (Renate Winkler) lässt sich für Vermittlerdienste mit Goldzähnen entlohnen. Der Tempelherr (Nils Thorben Bartling) ist ein hitzköpfiger Waldschrat und Eiferer. Sultan Saladin (Lothar Bobbe) ist ein Brutalo mit Zügen heutiger arabischer Despoten. Seine Schwester Sittah (Beatrice Boca) ist ein blondierter Vamp, der sich in der Öffentlichkeit verschleiert. Wie der Patriarch (Thomas Müller-Brandes), Typ kalter Realpolitiker, sind beide auf ihren Hochsitzen der Macht dauerpräsent. Sympathisch ist allenfalls der blinde Klosterbruder (Jochen Neupert).

Trotz Umstellung und Kürzung um die Hälfte arbeitet die Inszenierung nie gegen den Text. Was Soubeyrand herausliest, steht auch drin, fällt sonst nur nicht sehr auf. Das zwingt dazu, die sattsam bekannte Geschichte – die Züge der Kolportage, aber auch das Zeug zum Langweiler hat – neu zu denken. Zum Erfolg tragen geschickt gewählte Zäsuren bei; etwa wenn in Nathans Nachsinnen über die Ringparabel die Pause fällt.

Die Botschaft, dass Judentum, Christentum und Islam gleichwertig sind und alle Menschen Brüder werden, bleibt gewahrt. Sie wird indes anders erzählt. Und deshalb wieder gehört. Der Beifall ist lang und laut.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Gabi Schönemann

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