Mit kräftigem Strich inszeniert

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An Don Juan (Martin Maecker) ist ein Rockstar verloren gegangen.

Dreieich - Molières auf das Jahr 1665 zurückgehende Komödie „Don Juan oder der steinerne Gast“ scheint wegen der schlaglichtartigen dramaturgischen Abfolge lose gereihter Einzelszenen eine Musicalbearbeitung unbeschadet auszuhalten. Von Stefan Michalzik

Zwar schreibt sich Matthias Faltz, der Intendant des Hessischen Landestheaters Marburg, für seine Inszenierung, mit der am Montagabend die Festspiele in der Burgruine Dreieichenhain ihre Saison eröffneten, das Signum Musical nicht auf die Fahne. Es handelt sich aber um nichts anderes.

Die im Hintergrund postierte Begleitcombo spielt zum Entree im Disco-Rhythmus auf. Don Juan führt sich mit einer lasziv vorgetragenen Version von John Lee Hookers Rhythm-&-Blues-Klassiker „Boom Boom“ ein. Martin Maecker zeichnet das notorisch getriebene Verführerscheusal als hemmungslos narzisstischen Stenz ohne geistige Bodenhaftung - was nicht gut ausgehen kann. Ogün Derendeli als – wie es heute im hierarchischen Gefüge westeuropäischer Gesellschaften so Usus ist – migrantisch verwurzelter Diener Sganarelle ist das zweite Zentrum des Abends.

„Come As You Are“ von Nirvana gibt eine Einlullnummer zur Verführung einer Schönen ab; Lou Reeds düster funkelnde Ballade „Perfect Day“ desgleichen: Der augenzwinkernde Missbrauch von Popklassikers wird reihenweise begangen.

Die Inszenierung schöpft aus dem Formenfundus der Commedia dell’Arte. Da geht es handfest zur Sache, es wird anständig geschubst und geschlagen. Der Slapstick ist mit lebensecht anmutenden Momenten geerdet. Ein mikrofonstrapazierend heftig, aus der Tiefe der Seele hervorgestoßenes „Du... Arschloch!“ ist beispielsweise die Replik einer der Verlassenen - allesamt zeitgenössisch starke Frauen - auf die Kränkung hin, die Don Juan gerade mit demonstrativer Kälte vorgebracht hat. Beiläufig haben die Marburger übrigens ihren Oberbürgermeister Egon Vaupel als Kleindarsteller eingebaut. Und es werden die Bewohner des „Kaffs“ Dreieich in ihrem Lokalpatriotismus gekitzelt.

Konfettikanone und Vertikalseilartistik

Konfettikanone und Vertikalseilartistik, Degenfechterei, die allerdings origineller sein dürfte, und Videoprojektionen: Für reichlich Opulenz auf der leeren Bühne (Bühnenbild: Fred Bielefeldt) vor dem hoch aufragenden Zahn der Burgruine ist gesorgt. Die altbewährten Komödienmittel werden recht geschickt wieder flott gemacht. Jeder ist mit Emphase bei der Sache, bis hin zu der Frauenschar des Bewegungschors mit ihren weiß gepuderten Gesichtern und den Barockperücken. Der Schauspielergesang bewegt sich durchweg auf einem äußerst manierlichen Niveau.

Weitere Artikel und Informationen zu den Burgfestspielen Dreieichenhain finden Sie hier.

Publikumswirksamkeit ist in dieser Inszenierung des kräftigen Pinselstrichs die oberste Maxime. Matthias Faltz bezieht sich explizit auf die Tradition des Jahrmarkttheaters vergangener Jahrhunderte. Als Abbild der Eitelkeiten unserer Tage und der Leere einer Gesellschaft, der es an Sinnstiftung ermangelt, ist seine anderthalbstündige Szenographie indes durchaus schlüssig. Gerade bei Martin Maeckers Don Juan brechen unter der Schicht der Stilisierung immer wieder momentweise differenziertere Blicke auf die Figur durch. Man hat schon Platteres auf den Sommerbühnen gesehen.

Quelle: op-online.de

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