Kraft der Gegensätze

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Der Diskussion mit den Besuchern der „Kunstansichten“ stellten sich die Künstlerinnen und Künstler im Salon 13, dem Ausstellungsraum des BOK Offenbach.

Kunst setzt Zeichen im Offenbacher Stadtleben: Die elften „Kunstansichten“ animierten Besucher aus Nah und Fern, sich in Ateliers, Hinterhöfen, Galerien und Museen auf Pirsch zu begeben und neue Positionen aktueller Kunst zu entdecken. Von Carsten Müller

Dabei lockte das Publikum nicht nur die wie stets große Bandbreite des Gezeigten, sondern auch die Art der Präsentation, vom intimen Wohnzimmeratelier bis hin zur musealen Schau.Beispielsweise im Salon 13, dem Ausstellungsraum des Bund Offenbacher Künstler (BOK), wo man eigens für die „Kunstansichten“ gehängt hatte. Ursula Zepter zeigte dort Interieur-Variationen in kräftigen Acrylfarben. Vertraute Einrichtung ist dort in Unordnung geraten, verzerrte Perspektiven erzeugen geheimnisvolle Stimmungen, die Grenzen des Rahmens sprengend.

Heide Khatschaturians Siebdruck-Reihe „Lieben Sie Dubuffet“ rückt auf verschiedensten Materialien den Prozess in den Mittelpunkt. Barbara Storck Brundett zeigte hyperreale Strand-Malerei als Badeszene mit Plastik-Delfin auf Leinwand und einem aufblasbaren Kissen. Anna Maria Brocke Bodemann hat Mülltüten als Grund für ihre von Mythen und Sagen inspirierten Zeichnungen entdeckt. Eine Replik auf die Veranstaltung sind Kunstkenner und -kennerin als Tütenfiguren.

Auf Teeküchen-Raum Bilderrätsel

Feinen Humor pflegen Katja Preuß und Martin Stark in einem Seitenflügel des Hauptbahnhofs in der Bismarckstraße. Die Illustratoren mit HfG-Bezug – sie ist Absolventin, er studiert noch – präsentieren auf engem Teeküchen-Raum Bilderrätsel, Karikaturen und Malerei mit Pointe. Preuß bedient sich aus dem reichen Fundus bayerischer Politik-Eigenheiten, von der zeichnerischen Spielkartensammlung mit lederbehosten CSU-Granden, bis hin zu malerischen Miniaturen, die mit Blick fürs naturalistische Detail aufgebracht wurden.

Da rückt im Gänsemarsch eine folkloristische Gruppe nach Europa aus, verschwindet Problembär Bruno in grünstem Grün. Martin Starks Bilderrätsel sind akkurat gezeichnete Verwirrspiele mit skurrilen Auflösungen. Zu sehen waren auch Beiträgezum Struwwelpeter-Projekt der HfG im Heinrich-Hoffmann-Sommer, etwa zeittypisch gestaltete Blätter mit Rezepten („Abgefüllte Trauerklöße“).

Fotokunst in der Ateliergemeinschaft Eisfabrik.

Luise heißt eine junge Frau, die in David Straßburgers Foto-Atelier im Hinterhaus der Luisenstraße ihre Spuren hinterlassen hat. Requisiten sind in dieser begehbaren Installation mit dem Titel „Hitzefrei 360°“ noch zu sehen – und die damit verbunden Fotos. Ein Sofa, Schallplatten, Stuhl, davor großformatige Aufnahmen, die eine Ahnung des Modells hinterlassen. Im Stockwerk darunter provoziert Pia Winkenstern mit Malerei und Objekten zum Thema Krieg und Sexualität. Wie im Setzkasten sind offene Miniatur-Särge angeordnet, ein Gipsobjekt zeigt Beine, Bauch und Vulva einer Munition Gebärenden, ein Neugeborenes ist von einer Nabelschnur aus Patronen umgeben. Als gemaltes Tryptichon auf reinweißer Leinwand sind wie überbelichtet naturalistische Szenen einer Geburt verewigt, nebenan kniet ein Mädchen und pflückt Penisse wie Blumen auf einer Wiese. Szenen eines Boxkampfes verwischen zum Abstrakten.

Im Hof zeigt Gabriele Nippel Objekte und Bildhauerei. Köpfe, die aus metallenen und textilen Geflechten sich vergegenständlichen oder in Stein auf elementarste Formen reduziert werden. Licht und Schatten spielen bei einem profilierten Drahtgewebe zusammen, wie ein flüchtiger Abdruck des Gewesenen. Auch ein Aspekt der Präsentation von Gabriele Juvan in ihrem benachbarten Atelier. Entwurfszeichnungen für ihre auf dem Dach des Darmstadiums installierten „Flaneure“, lebensgroße Stadtmenschen in typischen Posen, die das Tagungszentrum belebten.

Fotos in der Eisfabrik

Die Eisfabrik in der Geleitsstraße ist eine gute Adresse für Freunde professioneller Fotografie. Jürgen Lecher, René Spalek und Rainer Kraus zeigen neue Werke. Zwischen Werbung, Reportage und Fotokunst changieren die hochkarätigen Abzüge in Schwarzweiß oder Farbe. Besonders Lechers prismenartige Stadtansichten, Kraus’ maritime Impressionen und Spaleks Interieurs faszinieren in dem ehemaligen Industriegebäude im Herzen der Stadt.

Ins Mehrfamilien-Domizil im Buchrain-Gebiet locken Klaus Jürgen Miegels Zeichnungen und Malereien. Der Manager im Unruhestand lebt seine zweite Profession aus und hat sich der Tierwelt verschrieben, die er in genauer Beobachtung mit Zeichenstift und Tusche aufs Papier bringt. Fein ausgearbeitet und mit gallig-kritischem Sendungsbewusstsein Primatenbilder in Denkerpose und Schrift-Porträts aus der Reihe „German Management“. Und wer sich auf ein Gespräch einließ, erfuhr manches über den Künstler und sein Verhältnis zur Stadt. Genau das macht die „Kunstansichten“ einzigartig.

Quelle: op-online.de

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