Edvard Munchs ausdrucksstarke Druckgrafik im Frankfurter Städel zu sehen

Von Krankheit und Tod

Edvard Munch, „Zwei Menschen“ (1899)

Wie kaum ein Künstler hat der Norweger Edvard Munch (1863-1944) Hinter- und Abgründen menschlicher Gefühlswelten Form gegeben: Todesangst, Qual, Verzweiflung, Ausweglosigkeit – aber auch Sehnsucht nach Liebe und Zweisamkeit. Munch kannte sich damit aus, war er doch fünf, als seine Mutter, 14, als seine Lieblingsschwester, und 32 Jahre alt, als sein Bruder starb.

Seine zweitälteste Schwester ging in der Nervenheilanstalt zugrunde. „In meinem Elternhaus hausten Krankheit und Tod. Ich habe wohl nie das Unglück von dort überwunden. Es ist auch für meine Kunst bestimmend gewesen“, schreibt er 1920, als er sich von Depression und Pessimismus befreit hatte. Sein Schaffen spielte eine existenzielle Rolle: „Ich bin nie krank gewesen, wenn ich gemalt habe.“

Im Frankfurter Städel können Kunstfreunde 80 subtile Psychogramme aus eigenem Bestand kennenlernen, an Ibsen- oder Strindberg-Dramen erinnernd, seelenverwandt mit Bildern van Goghs und Ensors. Dazu vergleichbare Sujets anderer Meister, etwa eine Radierung Max Beckmanns, Paul Gauguins Farbholzschnitt „Te Atua“ (Die Götter), Max Klingers Kupferstich „Erwachen“ und Odilon Redons Lithografie „Geschlossene Augen“: Fin-de-siècle-Kunst, die Weltangst sichtbar macht.

Munch begann als 31-jähriger in Berlin druckgrafisch zu arbeiten, entdeckte die Mittel der Radierung ab 1894, in Paris ab 1895 die Lithografie, ab 1896 den Holzschnitt. Motive wie „Mädchen am Fenster“, „Der Tag danach“, „Das kranke Kind“ (seine Schwester) und „Die Frau und das Gerippe“ stammen aus dem Reservoir seiner Gemälde, die bei der Berliner Ausstellung 1892 durch freizügige Darstellung und neue Formensprache für Skandal sorgten und zur Gründung der Berliner Secession führten. Es ist nachvollziehbar, woran sich die Bürger stießen – erotisch aufgeladene, nackte Paare, sich küssend, im „Meer der Liebe“ schwimmend oder nach ausschweifender Nacht erschöpft auf dem Bett liegend; die „Gasse“ aus Zylinderhutträgern, vor der eine junge Frau als Objekt der Begierde nackt dasteht; ein verführerischer Vamp(yr) mit langen Haaren.

Schockierend sind ungeschminkte Motive zur dunklen Seite des Lebens, die bedrückende Atmosphäre eines Sterbezimmers, das morbide Paar, das Selbstmord begangen hat, das Ehepaar, das sich voneinander abwendet. Munchs Art, Landschaft, Raum und Figuren in schwingenden Linien zu verschmelzen, stark auf inneren Ausdruck konzentriert, zeigt seinen Weg vom Symbolismus zum frühen Expressionismus.

Manch grafische Szene aus dem modernen Gefühlsleben scheint Gemälde wie Munchs „Eifersucht“ an Eindringlichkeit und Sensibilität noch zu übertreffen. Intime Familienbilder bringt sein erstmals gezeigtes Mappenwerk „Aus dem Hause Linde“. Daneben sind Wegbegleiter wie August Strindberg, Harry Graf Kessler oder „Henrik Ibsen im Café“ mit dem Tiefenlot erfasst. Stille und Einsamkeit der „Zwei Menschen“ werden erst mit der Radiernadel eingraviert, dann in Farbholzschnitt gebannt.

Munch experimentierte mit neuen Techniken, fügte mit der Laubsäge zerlegte Druckstöcke zum Puzzle. Die blau-schwarze „Meereslandschaft“ ist in alter Weise gedruckt, „Zwei Menschen“ und „Zum Walde II“ in bis dahin unbekannter Art. Die „Mädchen auf der Brücke“ bilden eine Ikone der Kunstmoderne. REINHOLD GRIES

P„Edvard Munch: Druckgrafik“, bis 18. Oktober im Städelmuseum Frankfurt. Geöffnet Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 18, Mittwoch/Donnerstag 10 bis 21 Uhr

Quelle: op-online.de

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