Das Kreuz mit den Kreuzfahrern

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Studierende brachten Händels Oper auf die Bühne des Rüsselsheimer Stadttheaters.

Am fantastischen Bühnenbild und schrägen Kostümen hatte die Klasse von Professor Rosalie an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung über ein halbes Jahr gearbeitet. Von Klaus Ackermann

Vierzehn Tage wurde Händels Oper „Rinaldo“ von etwa 80 Studierenden der Frankfurter Musikhochschule im Rüsselsheimer Theater geprobt. Und dank szenischer wie musikalischer Dauerspannung verging der knapp vierstündige Premierenabend im Nu. Weil Regisseur Professor Stefan Bastians die märchenhafte Geschichte von der Eroberung Jerusalems mit zauberhaften szenischen Tricks in eine Art magischen Realismus überführte. Klanglich abgesichert vom Hochschulorchester unter Fausto Nardi, das die opulente barocke Show auf historischem Instrumentarium inszenierte.

Rechts ein Baldachin gen Jerusalem, links ein Grabmal zum Posieren, die Stadt als bildgroßes Modell im Blickpunkt und zauberhafte Lichteffekte auf grauem Tuch: Vor allem in den fabelhaften, das Kreuz mit den Kreuzfahrern auf ironische Distanz bringenden Kostümen ziehen die Offenbacher Eleven alle Register. Zunächst erkunden Touristen das Terrain, in buntfarbenen Plastik-Umhängen, wie sie aus dem Atelier der Bayreuther „Ring“-Ausstatterin Rosalie stammen könnten. Ein junger Mann in Alltagskleidung führt mit Radio-Ansagen ins Geschehen ein, später auch Verse des Torquato Tasso rezitierend, die dem bizarren Libretto zugrunde liegen.

Zaubertricks helfen in aussichtslosen Situationen

Denn die Geschichte einer Entführung und Geiselbefreiung zwischen Kreuzrittern und exotischen Jerusalem-Besatzern wird in aussichtslosen Situationen immer wieder von Zaubertricks vorangetrieben. Echte Gefühle vermittelt allein Händels Musik, bei der Dirigent Nardi für frischen Durchzug sorgt, sich dabei auf einen wie improvisatorisch zu Werke gehenden Basso continuo aus Cembalo, Violoncello und Theorben (die barocke Gitarre) verlassen kann, ein feinstimmiges Flöten-Trio aufbietet und die festlichen Dreiklänge noch durch Fanfaren verstärkt.

Die emotionalen Befindlichkeiten der einander zu Leibe rückenden Helden werden zudem von Tänzerinnen und Tänzern ausdrucks- und sprungstark unterstrichen. Da ist Altus Michael Hofmeister, ein nachdenklicher Tyrann mit leise insistierenden Stimmgaben, von einem grimmen Partner umgeben, der dennoch für wohltemperierte Koloraturen sorgt: Mareike Winkel mit angenehmen Mezzo. Anne Frank ist so ansehnlich wie ihr facettenreicher Koloratursopran zu echtem Leid fähig, verloren wirkend in ihrem Wolkenkuckucksheim und mit der schönsten Arie der Oper betraut, „Lascia ch´io pianga mia cruda sorte“ (Lass’ mich beweinen mein grausames Schicksal). Christos Pelekanos als Jerusalem-Besatzer Argante ist ein auch äußerlich fülliger Bariton mit einem weichen Kern, der gleich von einer dreifachen Zauberin bedrängt wird: Die Sopranistinnen Fabienne Grüning, Agnes Kovacs und Franziska Tiedtke, stimmlich zwischen liebevoller Zuneigung und abgrundtiefem Hass. Doch auch diesen drei Damen im magischen Schwarz gelingt es nicht, Rinaldo zu verführen, den die in weißen Stoff-Wolken anrauschenden Sirenen nach Jerusalem entführt haben. Und den der christliche Zauberer (Bariton Amadeu Gois) zu befreien weiß.

Dann ist erstmal Pause

Auf einer Guckkastenbühne im Foyer tönt das Lamento des jungen Komponisten Paul Leonard Schäffer, der Monteverdis Opus ins Heute überführt hat, als Pausenfüller zu schade. Schon der abgehobenen Kantilenen von Sopranistin Désirée Hall wegen, die zwei Tenören und einem Bariton in Frauenkleidern erfolglos nachstellt..

Vielleicht Vorgeschmack auf den kriegerischen letzten Akt im Feuergelb der zerstörten Welt. Und einer geschundenen Almirena, die sich Argante hingegeben hatte und dafür von ihrem Liebhaber, dem zuvor so verträumten Rinaldo, abgestraft wird. Auch diesen Charakterwechsel bekommt die als Rinaldo stimmlich außerordentlich präsente und koloraturensichere Anne Bierwirth gut hin. In einer Händel-Oper, bei der es zwischen Bühne und Orchestergraben viel funkt und selten knirscht.

Quelle: op-online.de

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