Krieg in den Seelen der Menschen

Ein gutes Wort sagt mehr als 1000 Bilder. In diesem Sinne hat Rawi Hage von Fotograf auf Schriftsteller umgesattelt, mit Erfolg. In seiner Wahlheimat Kanada ist er eine Art Popstar. Sein Debüt „Als ob es kein Morgen gäbe“ hat den weltweit höchstdotierten Preis für ein literarisches Einzelwerk erhalten, den Impac Award.

Dass sein deutscher Verlag DuMont dafür die Werbetrommel rührt, scheint so berechtigt wie notwendig: In der Frankfurter Romanfabrik ist das Interesse beklagenswert gering.

„10 000 Bomben waren eingeschlagen.“ Wie soll sich ein Autor steigern, der mit diesem Satz beginnt? Hage umgeht das Problem, indem er diese Bomben immer wieder abwirft auf das Beirut der 80er Jahre. Indem er beiläufig enthüllt, dass eine davon ein Loch ins Elternhaus des Ich-Erzählers gerissen hat. Und noch später erwähnt, dass sie dessen Vater getötet hat...

Vom Bürgerkrieg redet Hage in geradezu poetischer Sprache. Am Beispiel der unterschiedlichen Freunde Bas sam und George, genannt De Niro, schildert er die Folgen in den Seelen der Menschen. Und deutet an, dass der eine in den Kampf, der andere ins Exil gehen wird; wie der Verfasser, der 1982 den Libanon 18-jährig verließ.

Aus dem englischsprachigen Original liest Hage selbst, aus der seinen Tonfall sehr genau treffenden Übertragung von Gregor Hens der TV-bekannte Schauspieler August Zirner. Der nimmt seine mimischen Gaben zurück und findet zu angemessener Textgestaltung allein kraft seiner starken Stimme. Bewegtes Mienenspiel ist bei Lektorin Eva-Marie von Hippel zu studieren, die das Gespräch souverän moderiert und übersetzt. Ein Glück, dass die Geschichte geschrieben wurde! MARKUS TERHARN

Quelle: op-online.de

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