Kühne Schnitte, harter Beton

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Stark farbig und spielerisch ornamentiert sind die Malbücher der Frankfurter Künstlerin Ingrid Eberspächer.

Offenbach - „Mich reizt das Risiko, dass etwas schiefgehen kann, oder die Lust am Neuen, mit dem ich mich selber überrasche“, lautet das Credo der Frankfurter Künstlerin Ingrid Eberspächer. Sie zeigt ihre Werke im BOK. Von Reinhold Gries

Mit großformatig-expressiven Papierschnitten und nie gezeigten Malbüchern überrascht sie die Besucher der Galerie Salon 13 des Bundes Offenbacher Künstler. Mit Fotos des Frankfurter HfG-Absolventen Hartmut Wirks sind sie zur stimmigen Schau vereint.

Klar und eindrucksvoll in der Form, kritisch und doppelbödig in der Darstellung ist das, was Eberspächer in schwarzes Ton- oder Lackpapier schneidet. „Abwarten, was passiert und dabei wach bleiben“, umreißt sie ihren offenen Arbeitsprozess, der mit hoher Schnittkompetenz einbezieht, was sie an Veröffentlichtem sieht und liest.

Eberspächer liebt Zuspitzung und Konzentration

Ihre künstlerische Aneignung verbildlicht auch ein zweieinhalb Meter hohes Format, bei dem eine Frau mit filigran geschnittener Pepita-Jacke einen Colt in der Hand hält: Man sieht es auch an anderen Motiven: Eberspächer liebt Zuspitzung und Konzentration, auch bei in die Figurationen geschnittenen Worten und Schlagzeilen. „Der Wind weht aber wie er will“ steht unter einem schwarz-weißen Frauenakt vor strahlender Sonnenscheibe. Um tägliche Selbstbehauptung geht es auch im Gruppenbild geschäftiger Männer, über die der Spruch geblendet ist: „Es kommt vor, dass sich kurz Gewissheit einstellt, beinahe Glaube“.

Malerische Strukturen entdeckt Hartmut Wirks im bröckelnden Beton der Nazi-Siedlung Prora.

Oder Eberspächer verwandelt wie in „Irgendwann“ verworfene Wort-Schnitte in eingerissene Leerzeilen. Weniger kantig und plakativ wirken die starkfarbigen und spielerisch ornamentierten Malbücher, die Eberspächer bisher versteckte. Denn darin geht es verstärkt um Autobiographisches, ins Spiel mit Farben und Formen verschlüsselt. Auch ihre wie Ludwig Emil Grimms Rollbilder drehbaren „Film-Kästen“ fabulieren pittoresk.

Viel zu erzählen, das aber ohne Worte, haben die analog fotografierten Kompositionen von Hartmut Wirks ebenfalls. Auch hier geht es um das Innen und Außen der jeweiligen Ansichten.

Wichtiges Zeitdokument ist die Gegenüberstellung seiner mit elf Jahren geknipsten Agfa-Klick-Fotos aus dem „heilen“ Kroatien von 1973 mit neuen Fotos zum gleichen Adria-Ort Mlini südlich von Dubrovnik: Das einstige Hotel ist nur noch Ruine, nun voller Durchbrüche und Einschusslöcher. Wie ein verfremdeter Guckkasten dient der hohle Raum als Behältnis für idyllischen Adria-Fernblick, in welchen der mit im Raum stehende Betrachter einbezogen wird.

„Grau ist nicht nur grau“

Ähnliches gelingt Wirks bei Fotografien zu präparierten Orang Utans, Zebras und Geparden in Wiens Naturhistorischem Museum. Seine Fotos versetzen in die Vitrinen und revitalisieren dort die Tierplastiken. Zwischen sensibel gefügter Komposition und sprechender Dokumentation bewegen sich Ein- und Durchblicke zu Rügener Prora-Ruinen, welche die russischen Besatzer erfolglos zu sprengen versuchten. „Der Nazibeton war zu hart“, sagt Wirks lakonisch, um zu malerischen Wirkungen eingestürzter Decken und Wände überzugehen: „Grau ist nicht nur grau“. Zerborstener Beton changiert zwischen Grün-, Blau-, Rot- und Gelbschimmer.

„Die Dinge und wir – Ingrid Eberspächer und Hartmut Wirks“ bis 13. Mai in der BOK-Galerie Salon 13, Offenbach, Kaiserstraße 13. Geöffnet: Mittwoch und Sonntag von 15-18 Uhr.

Quelle: op-online.de

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