Darmstädter Sezession: Heimspiel am Main

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Laura Baginskis Deutung der drei Grazien.

Frankfurt - Die Künstlervereinigung „Darmstädter Sezession“ tourt mit ihrer Reihe „12 Positionen“ seit 2004 durch Europa. Nun gastiert sie damit erstmals in Rhein-Main, im Frankfurter Museum Giersch. Von Reinhold Gries

Zur jungen Garde zählt die Offenbacher Künstlerin Laura Baginski, die sich der Darstellung des Weiblichen verschrieben hat. Das kann im Blumigen bleiben wie beim „Wachstumsfries“, aber auch erotische Üppigkeit annehmen wie in malerisch kostbaren „Vulva“-Aquarellen. Baginskis „Madonna mit Kind“ geht vom bayrischen Barock ins schockierend Reale oder überrascht in delikat pigmentiertem Gipsguss zu den drei Grazien mit einem Phallus an ungewohnter Stelle.

„12 Positionen“ der Darmstädter Sezession bis 26. August im Frankfurter Museum Giersch, Schaumainkai 83. Geöffnet Dienstag bis Donnerstag 12–19 Uhr, Freitag–Sonntag 10–18 Uhr

Spezielle Perspektiven pflegt auch Ariel Auslender mit „Ost-West-Hanteln“ oder dem „Diktatoren-Löwen“. Als Postmoderner hat der gebürtige Argentinier kein Problem, Karl Marx aus Bronze und Blei in einen Weihnachtsmann zu verwandeln, aus dessen dialektisch-materialistischem Sack Köpfe von Tyrannen rollen. Ohne Politbrille kann man sich auch Moritz Freis Küchen-Installation nähern, deren ineinander verzwirbelte Strohhalme aber doch Kunststatus beanspruchen. Technisch deutlich anspruchsvoller ist Nikolaus Heyducks Installation „Abklingbecken“, die mit Hilfe eines Bewegungsmelders kinetische Energie mit Video- und Elektroakustik-Effekten verbindet.

Dann Arriviertes wie Bernhard Jägers Piktogramm-Prototypen, denen er mit Stahl, Mischtechniken und Malerei immer neues Leben einhaucht. Sein „Tempo Tempo“-Figurenpaar auf vier Rädern trifft das Zeitgefühl immer noch. Der aus Berlin stammende Pop-Artist, Bildhauer und Zeichner Detlef Kraft ist schwerer zu fassen. Spielend überbrückt er vom Messing-Porträt zu Brian Jones über einen aerodynamischen Bronze-Hasen bis zu hinreißenden abstrakt-expressiven Malereien die Kunstsparten. Wie er Fundstücke in klassisch moderne Bronze-Skulptur verwandelt, ist meisterhaft.

Bernhard Jägers Piktogramme in malerischer Anverwandlung

Strenger wirkt die Konzeptkunst des ehemaligen HfG-Professors Klaus Staudt, seine Zeichenserien, Kartonschnitte, Klappungen und Würfelgebilde strahlen zeitlose Poesie aus. Mit Raum und Zeit befassen sich großformatig aufgefaltete „Reisezeichnungen“ von Helmut Werres in anderer Weise, entstanden mit einem fast seismographisch benutzten Tintenstift beim Gehen, Fahren oder Fliegen. Auch seine mit Öl gemalten „Wochenbild“-Köpfe haben dieses gewisse Geheimnis, das sich auch bei genauem Betrachten kaum enträtseln lässt und das auch die mit Kolbenfüller aquarellierte Figuren-Serie der HfG-Absolventin Bea Emsbach dominiert. Gleichermaßen faszinierend ihre Arrangements und Wandbilder aus getrockneten Blättern. Am Ende Werner Neuwirths auf Papier gezeichnete und gemalte Illusionsräume, die sich vorwiegend intuitiv erfassen lassen und Frank Schyllas entmaterialisiert wirkende Leinwände, die in Wirklichkeit viel Acrylfarbe übereinanderschichten. Bildebenen verwischt auch Hans Sieverding in gegenständlicher wie abstrakter Formensprache, während Gerd Winters „Farbstücke“ changierendes Farbspiel in selbstbestimmte Streifen-Geometrie zwingen.

Quelle: op-online.de

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