Künstler mit Erzähltalent

+
Maler und Texter Chlodwig Poth

Frankfurt - „Er hat die letzten 50 Jahre am intensivsten von uns allen nacherzählt und auf den Punkt gebracht“, beschreibt Karikaturist Hans Traxler seine Wertschätzung für den 2004 verstorbenen Kollegen von der Neuen Frankfurter Schule. Von Reinhold Gries

„Chlodwig Poth war ein genialer Vereinfacher, wie kein anderer in der Lage, das Schöngerede und Klugscheißerische (...) mit einem kurzen Satz zu durchschneiden.“ Dieser Tage wäre der Zeichner, Maler, Karikaturist, Cartoonist, Schreiber und Sozialreporter 80 Jahre alt geworden. Am 4. April 1930 in Wuppertal geboren, ist er Mitbegründer legendärer Satirezeitschriften wie „Tarantel“, „Pardon“ und „Titanic“, zeichnet als 14-Jähriger in Berliner Luftschutzkellern satirische Bilderbögen gegen den Krieg, veröffentlicht als 16-Jähriger im Nachkriegs-Berlin politische Karikaturen.

Der pazifistische Antikapitalist gerät zwischen die Fronten des Ost-West-Konflikts, wird wegen politischer Unzuverlässigkeit von der DDR-Kunstakademie Berlin-Weißensee verwiesen. Er studiert an der West-Berliner Hochschule der Künste, während seine verbotenen „Tarantel“-Zeichnungen per Luftballon über die Kontrollen nach Osten schweben. Nach Mitarbeit am West-Berliner Satiremagazin „Der Insulaner“ und Beteiligung am DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 geht Poth nach Paris, bevor er die Werkszeitung des Hanauer Reifenherstellers Dunlop redigiert.

Poth entwirft Satiren und Bildgeschichten

1955 zieht er nach Frankfurt, von 1961 bis 1971 wohnt er in Langen, danach wieder in der Mainmetropole, die Zielscheibe seines Spotts wird („Frankfurt oder ein vorletzter Tag der Menschheit“). Dort gibt ihm Verleger Hans A. Nikel, nicht nur im Anfang der 60er Jahre gegründeten aufmüpfigen Kultjournal „Pardon“ die Chance, Neigung zum Beruf zu machen.

Das Ölgemälde „Vietnam“ mit Familie und napalmverbranntem Kind entstand 1968 in Langen.

Poth entwirft Satiren, Bildgeschichten und Illustriertenwitze in Serie, anspruchsvolle signiert er mit „Claude“, schlichtere mit „Wig“. Neben humorbegabten Romanen wie dem auf Wagner abzielenden „Die Vereinigung von Körper und Geist mit Richards Hilfe“ erfindet er im „Roman-Kompress“ komisch gezeichnete Buchrezensionen. In „Wimmelbildern“, eins davon erhalten als Theater-Werbeplakat mit dem Offenbacher Wilhelmsplatz, wimmelt es von Straßenszenen, versehen mit vielen Sprechblasen und köstlichen Dialogen. Neben der Passion für Malerei und Grafik – Poth schuf auf diesen Gebieten Beachtliches – werden mit Erzähltalent geschriebene und flink gezeichnete Bild-Kurzgeschichten, später aufwändig gestaltete „Hassblätter“ zu seinem bevorzugten Ausdrucksmittel.

„Poth für die Welt“ bis 25. April im Caricatura-Museum Frankfurt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18, Mittwoch bis 21 Uhr.

Die 68er-Zeit inspiriert den in der Szene geachteten „APO-Opa“ zur hinreißenden „Pardon“-Serie „Mein progressiver Alltag“, kuriose Kontraste zwischen progressivem Anspruch und traditionsgeprägt-bürgerlicher Lebenspraxis glossierend. Die Bildgeschichten kommen 1975 als Buch heraus und werden Bestseller. Daneben entstehen in Langen Ölgemälde mit „Familienhintergrund“, die den Vietnam-Konflikt thematisieren, und Radierungen zu Kriegserinnerungen („Schützengräben“), in die Gegenwart versetzt. Ende der 70er Jahre hält Poth mit Hans Traxler an Offenbachs HfG ein Karikaturenseminar ab, zu dem ein Ex-Student, der Mühlheimer Cartoonist Klaus Puth, meint: „Beide haben sich gegenseitig befeuert. Was die machten, war irre und saukomisch.“ Eine Kostprobe geben die Bildgeschichten „Tanz auf dem Vulkan“ (1984), in denen sich Gottvater, mit dem Teufel durch A- und B-Ebenen von Offenbachs City-Betonlandschaft irrend, vom Antipoden fragen lassen muss: „Wie konntest du nur zulassen, dass so etwas gebaut wurde?“

„Als Künstler nicht genügend anerkannt.“

Neben der Mitarbeit an der „Titanic“ tut sich für Poth ein ähnliches Arbeitsfeld auf, nachdem er vom schicken Frankfurter Holzhausenviertel ins alte Sossenheimer Schulhaus ziehen muss. Ab 1990 münden dortige Recherchen und Beobachtungen in 500 farbig schraffierte Cartoons von „Last Exit Sossenheim“, einen scharf an der Wahrheit entlangführenden Alltags- und Sozialreport. Aber Sossenheim ist überall, „ein Gebäudehaufen ohne Gesicht, Eigenart und Charme“ (Chlodwig Poth). Leonore Poth, die zeichenbegabte Tochter, meint dazu: „Mein oft wortkarger Vater war täglich mit Zeichenblock und Digitalkamera unterwegs, um seine Umwelt festzuhalten. Das Festgehaltene mischte er in den Comics mit Gedachtem und hessischem Dialekt.“ Begeistert von Poths textlosen Reisebildern fügt sie hinzu: „Er fühlte sich als Künstler nicht genügend anerkannt, hatte keine Galerie, da er nicht gefällig zeichnete und schrieb.“

Das Caricatura-Museum würdigt zur Zeit ihn, den 2003 mit der Goethe-Plakette Ausgezeichneten – nicht nur äußerlich eine moderne Mischung aus Wilhelm Busch, Heinrich Zille, Günter Wallraff und Grimmelshausen.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare