Künstler mit Sendungsbewusstsein

+
Der Erinnerung entrissen: Talbergs Kamm-Skulpturen und Wald-Fotografien

Offenbach - Er ist ein Künstler mit Sendungsbewusstsein: Ruben Talberg, seit 2005 in Offenbach ansässig, begreift sich als politischer Botschafter. Die Arbeiten des gebürtigen Heidelbergers kreisen um das Thema Holocaust. Von Carsten Müller

Auch in der aktuellen Ausstellung mit dem Titel „Durchkämmung“, die er in seinem Atelier in der Offenbacher Ludwigstraße zeigt. Ausgangspunkt für die Werkgruppe aus übermalten Fotografien und stählernen Skulpturen waren Eindrücke beim Besuch der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz. Dort entdeckte der künstlerische Autodidakt auf dem Foto eines Kofferstapels den Namen des Offenbachers Otto Israel Schönhof, eines Lederfabrikanten aus der Bismarckstraße, der in die Ludwigstraße zwangsumgesiedelt wurde, bevor er in Auschwitz den Tod fand.

Ein Koffer aus dieser Zeit liefert, auf einem Podest ruhend, den ersten Blickfang der Präsentation. An den Wänden reihen sich Fotografien, die Talberg auf Leinwand gezogen und bearbeitet hat. Es sind Bilder, die ins kollektive Bewusstsein eingegangen sind, Zeugnisse eines unvorstellbaren Grauens, die dort allmählich Patina angesetzt haben.

Fotografien von Stacheldrahtzäunen, Güterwaggons und Namenslisten, Porträts von Häftlingen und Darstellungen geschundener Menschen hat Talberg auf seine Weise vereinnahmt und einer spontanen Bearbeitung unterzogen, die Emulsionen zerschabt und zerkratzt, Flammen einwirken lassen, pastos Farbe aufgetragen. Die Bildinformation rückt ob dieser Verfremdung in den Hintergrund, mit einem verstörenden Effekt: Fast ist man als Betrachter empört über den Mangel an Pietät. Doch pietätvolle Zurückhaltung liegt nicht in der Absicht des Künstlers, so rostig, roh und spitz die Zinken seiner stählernen Kämme in die Welt ragen, die verletzen können. Talberg, der sich selbst als Deutsch-Jude bezeichnet, ließ sich auch für die achsenweise in seiner „Factory“ aufgereihten Skulpturen von Fundstücken in Auschwitz inspirieren.

Ruben Talbergs „Durchkämmung“ bis 30. Mai in der Ludwigstraße 151. Geöffnet nach Vereinbarung unter Tel.: 0177/8706383.

Kräftige Neonfarben, gewischt und gespachtelt, verändern die Wahrnehmung der in Farbe fotografierten saftiggrünen Wälder. Auch diese symbolbefrachteten Orte waren Objekte der Durchkämmung nach Juden. Talberg sucht und findet einen Nerv, um den Prozess des Gedenkens künstlerisch zu verstetigen. Das soll auch seiner Jakobsleiter gelingen, dem mit fremden Signaturen verzierten Gedenkobelisken, der in Offenbach politisch auf die lange Bank geschoben scheint.

Quelle: op-online.de

Kommentare