Künstler singen biblische Verse

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Mikhail Karasiks großformatige Arbeiten beeindrucken.

Offenbach - Eine wundervolle Buchkunst-Ausstellung ist Christian Scheffler da als Kurator im Offenbacher Klingspor-Museum gelungen: Über zwei Stockwerke führt er an Prachtausgaben aus Privatbesitz und auch von ihm als früherer Museumsleiter erworbenen Editionen zuweilen spektakulär durch die Geschichte des biblischen „Hohen Lieds“. Von Reinhold Gries

„Erst Mitte des 4. Jahrhunderts hat man die Sammlung orientalischer Liebes- und Hochzeitsgedichte in die Bibel übernommen und einfach König Salomo zugeschrieben. Den hielt man ob seines Harems für erfahren in Liebesdingen“, berichtet Scheffler. „Entstanden sind die Lieder jedoch zwischen 400 und 200 v. Chr., gingen dann als jüdische Texte ins Alte Testament. Es kam zur religiösen Umdeutung, da sie völlig aus dem Rahmen biblischer Texte fielen.“

Gestrig wirkt die vor einem Jahrhundert entstandene Lithographie von Lovis Corinth.

Heute kommt man zurück zu unverstellter bildreicher bis saftiger Sprache des „Canticum Canticorum“. Das bleibt zunächst historisch, wenn Scheffler das Faksimile der ersten griechischen Übersetzung der Bibel aufblättert, im 19. Jahrhundert im Katharinen-Kloster auf dem Sinai entdeckt, dann über Leipzig via St. Petersburg in die Nationalbibliothek nach London gekommen. „Ein Krimi“, meint Scheffler dazu, um zum 1460 in Holz geschnittenen Blockbuch überzuleiten, „hier finden wir christliche Umdeutung des Liebesthemas“. Das setzt sich fort in der Übersetzung Luthers. Viel später hat Johann Gottfried Herder das Hohe Lied – wie sein Freund Johann Wolfgang Goethe mit 26 Jahren – vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt. Mit mönchsgotischer Handschrift, Maroquin-Ausgabe für Napoleon und Jugendstil-Ausgabe der Ernst-Ludwig-Presse schließt der historische Exkurs.

Gern haben sich Künstler der klassischen Moderne und Gegenwart mit dem Hohen Lied befasst – bis hin zur Offenbacher Künstlerinnen-Gruppe USUS. Kostbar mit ledergeprägte Einbände, Holzschnitte und Steindrucke auf Japanpapier, die goldglänzende Initiale besonders schön zur Geltung bringen. Andere verschlüsseln das Sujet „Ich bin eine Narzisse“ in Fotos und blumige Allegorien. Eine Entdeckung sind auch Illustrationen von Alexander Mathéy von 1924, lange bevor er der erste Direktor des Klingspor-Museums wurde. Herausragend wie raumfüllend dann die großformatigen Petersburger Lithographien Michail Karasiks zu „Shulamite“ von 1998. Mit großer Farb- und Erzählkraft mischen sie Expressionismus und Chagalls Poesie mit fauvistischem Farbgefühl.

„Biblisch: Das Hohe Lied der Liebe“ vom 15. August bis 23. September im Klingspor-Museum, Herrnstraße 80, Offenbach. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 16 Uhr

Aufsehen erregen auch 30 wundervolle Lithographien von Gerhart Kraaz und Illustrationen von Susan Alix. Die Farbholzschnitte und Typographien von Wilhelm Neufeld, basierend auf Goethes Übersetzung, wurde 1983 auf der Internationalen Leipziger Buchkunst-Ausstellung prämiert. Nahrung für Augen und Seele sind auch die Bebilderungen Abraham Krols und Farbholzschnitte Andreas Felgers, kostbare englische und tschechische Editionen, Adrian Frutigers und Felix Hofmanns Schweizer Versionen und exzellente Produkte der Axel-Hertenstein- und Kranich-Presse. Dagegen wirkt Lovis Corinths Version gestrig, obwohl sie vor 100 Jahren dralle Sinnlichkeit präsentiert. Weiter geht Helge Leiberg in virtuos übermalten Steindrucken, die geniales Formgefühl mit Wildheit und Direktheit verbinden. Die Lebenskraft des Eros hat auch Robert Schwarz hingetrieben in Stoffcollagen, ein Feuerwerk der Materialien.

Quelle: op-online.de

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