Künstlerische Feldforschung

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Stefan Mannels „Okapi“ ist in Bad Homburg zu sehen.

Das Dilemma des Menschen im Umgang mit der Natur ist offenkundig. Denn das Gleichgewicht ist gestört. Naturwissenschaften suchen nach kausalen Erklärungen; offen bleibt die Antwort auf Fragen nach Sinn und Wert der Natur. Von Reinhold Gries

Dieses Vakuum versucht moderne Kunst zu füllen, ausgehend vom nach „Unmittelbarkeit und Unverfälschtheit“ strebenden Expressionismus. In jüngerer Zeit bildeten sich dazu neue künstlerische Positionen heraus, die sich mit der Gefährdung der Lebensgrundlagen befassen.

Die beeindruckende Schau „An die Natur III“ im Bad Homburger Sinclair-Haus, gespeist aus der europaweit einzigartigen Altana-Sammlung, wirkt da wie eine künstlerische Feldforschung. Cornelia Genschow, der ein eigener Raum gewidmet ist, definiert den Naturalismus neu.

Im Homburger Schlosspark hat sie Gräser eines festgelegten Wiesenareals gesammelt, bestimmt und an weißer Wand befestigt. Jedes Gras wurde digital fotografiert und vermessen, herbarisiert und archiviert, in Schwarz-Weiß umgesetzt, kopiert und auf Folie übertragen. Die entstandenen Schablonen wurden übersprüht und abgezogen. Diese Graffiti wirken wie eine verschlüsselte Partitur für natürliches Wachstum – ästhetische Sinnbilder für das, was die Welt zusammenhält.

Auch Ricardo Caleros Serie „Natural Luz 1-8“ kombiniert Naturcollage und Fotokopie, um sich auflösende Blätter als Zeichen der Vergänglichkeit abzuspeichern. Franz Gertsch überträgt Gräser in virtuosem Holzschnitt auf Druckplatten. Seine makrokosmischen Motive vibrieren in Nahsicht auf die Lichtpunkte. Elegant wie fragil sind die Rasenstücke und „Vegetationsschnitte“ von Herman de Vries.

„Landschaftsmaler“ Herbert Brandl verflüchtigt weiß blitzende Bergspitzen vor aschblauem Himmel zu ferner Fata Morgana. An die Grenze der Abstraktion stößt K.H. Hödicke mit großformatig „Verwehten Fuchsien“, die am Betrachter vorbeifliegen. Alex Katz’ „Lake Light“ und „Path“ sind auf die Fläche gebannte Lichtereignisse. Dazu verbreiten Roberto Longos dekorative Kohle-Graphit-Allegorien Endzeitstimmung.

„An die Natur“ bis 1. November im Sinclair-Haus Bad Homburg. Geöffnet: Dienstag 14 bis 20, Mittwoch bis Freitag 14 bis 19, Samstag und Sonntag 10 bis 18 Uhr.

Markus Lüpertz’ grandios gemaltes „Semiramis – Laubentor“ hat sich vom Motiv, den Hängenden Gärten Babylons, gelöst, um in überschäumender Farbigkeit Fantasie und Emotion freizusetzen. Norbert Tadeusz’ blaues „Seerosenbild“ erinnert an Monets Giverny-Motive, grell phosphoreszierende Pflanzen und dunkle Schatten sorgen für irritierende Künstlichkeit. In die Weite des tiefblauen Weltraums beamt Bernd Zimmer den Betrachter. Einzigartig gelingt es ihm, mit Acryl, Öl und Pastellkreide kosmische Tiefe zu suggerieren.

Solche Möglichkeiten hat die Fotografie nicht, auch wenn sie der Natur in malerischem Ausschnitt zu Leibe rückt. Roni Horns C-Print-Serie „From Some Thames“ treibt, trotz aller Ästhetik, an der Oberfläche. Julia Venturas „Seascapes“ wirken wie das Spiel im Wasserglas.

Unter die Haut gehen dafür Arbeiten, die sich reflexiv mit der Natur des Menschen beschäftigen. Walter Moroders Zirbelkiefer-Skulptur „Würde“ zeigt wie Gil Shachars Selbst-Büste aus Wachs den Homo sapiens in geronnener Einsamkeit. Georg Baselitz zerlegt den menschlichen Körper in strichgeätzte Einzelteile, die zum bildnerischen Spielmaterial werden. Surreale Polyurethan-Ameisenbären konfrontiert Elke Härtel mit blutleerer Frauen skulptur. Saskia Niehaus schafft ein Panoptikum aus „Getier und Gemensch“, mal gebrechlich und verletzbar, mal vital und skurril – und führt die scheinbar aufgeklärte Gesellschaft ad absurdum.

Quelle: op-online.de

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