Künstlerische Kopfsprünge

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Gezielte Verunsicherung im Treppenhaus des Klingspormuseums: Corinna Krebbers hat in ihrer Installation „Zweifel“ haufenweise aufgeschichtet.

Offenbach - Die Neu-Frankfurter Künstlerin Corinna Krebber ist eigentlich Architektin. Raumgefühl ist für diesen Beruf ebenso unerlässlich wie das Herausarbeiten verständlicher Strukturen. Das merkt man ihren „Schrift-Räumen“ im Obergeschoss des Offenbacher Klingspormuseums an. Von Reinhold Gries

Doch Krebber hat im Übermaß, was manchen Architekten fehlt: Fantasie, Feingefühl, Tiefgang. Vielleicht hat sie sich deshalb seit 2006 vorwiegend der „freien Kunst“ verschrieben und ihren alten Beruf an den Nagel gehängt.

Selten sieht man solche Rauminstallationen wie ihr fast schwebendes, raumfüllendes Textgespinst „kopfsprung, akt 3“, eigens für das Klingspormuseum 2009 mit dem Messer aus Papieren geschnitten, mit Angelhaken und Nylonfäden verspannt. Oder eine 20-teilige Sequenz wie „kopfsprung, forum“, die sich figurativ-abstrakt mit philosophischen Texten von Spinoza, Aristoteles, Leibniz, Heidegger und Sartre auseinander setzt. Feinstoffliche Licht- und Schattenspiele, weiß vor weiß; nicht lesbar, aber documentageeignet.

„Corinna Krebber: Schrift-Räume“ im Klingspormuseum bis 28. Juni. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 16 Uhr.

Im Treppenhaus durch das fragil-handschriftlich geformte Wandwort „derverloreneaugenblick“ verunsichert, wird der Besucher dann von einem gewölbten Objekt aus alubeschichtetem Karton empfangen. „Nicetomeetyou“ sind dort Versalien aus schwarzem Grund herausgeklappt. Gegenüber breiten sich in Glasvitrinen fünf „Tagebücher“ aus, deren Texte offensichtlich verschlungen worden sind. Krebber hat sie Seite für Seite mit dem Cutter herausgeschnitten. Gezielte Verunsicherung schreitet fort: „Zweifel“, haufenweise aufgeschichtet. Das Bodenobjekt-Wortbild reagiert auf jeden Windzug, einzelne Lettern des Losungswortes in den Raum streuend. Da bilden sich – zufällig wie absichtsvoll – neue Wortkombination wie Weile, Eile, Ziel. Zweifellos, die geduldig arbeitende Schriftschneiderin sorgt für Entschleunigung.

Diversen „Textballast“ aus vielen gelesenen Büchern hat Krebber in alten Koffern verpackt und gegen das Überquellen mit Packerriemen verschnürt. Das scheinbar Ungeordnete dieser „raumforderung I bis IV“ weckt Neugier, zumal Max Frischs Roman „Homo faber“ fast programmatisch hervorlugt. Krebbers Raumbespielungen verbildlichen Frischs persönlichstes Lebensproblem, die Angst, niemals an ein Ziel zu gelangen. Krebber hat auch ein feines musikalisches Gespür für Rhythmen. Das machen die Positiv-Negativ-Papierreliefs in den Schaukästen augenfällig. „Kopfsprung, akt 1, auftritt heidegger“ nennt sich das größte Einzelobjekt. Ein aus weißen Papieren seziertes Selbst, den Betrachter selbst in Vereinzelung werfend. Große Gedankenräume, die Corinna Krebber da baut.

Quelle: op-online.de

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