Kufsteinlied und Kannibalen

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Polt in der Burg

Alles ist wie immer, sieht man vom Weiß und Grau auf den Köpfen der vier Männer ab. Langweilig ist es keine Sekunde. Gerhard Polt und die Biermösl Blosn, bei den Festspielen in der Burgruine Dreieichenhain, erweisen sich als wertbeständig. Von Stefan Michalzik

Um 1980 hatte sich eine Generation der Erneuerer des Kabaretts lose formiert. Ensembles wie die Drei Tornados, das Vorläufige Frankfurter Fronttheater und der Wahre Anton traten an, um das „Rollkragenkabarett“ von Hildebrandt & Co. mit rotzfrecher Attitüde abzulösen. Polt und die aus einer Volksmusikerfamilie kommenden Well-Brüder bildeten eine eigene Kategorie.
Es ist die bayrische Provinz, der Polts Figuren entstammen. Da purzeln Traum und Trauma durcheinander. Eingewanderte englische Wörter werden mit breitem Akzent ausgesprochen. Weltsicht wird verbreitet, im Parlando oder in eifernder Tirade. Das ist die Philosophie des Kleinbürgers, wie man sie im Wirtshaus findet. Die Sorte Mensch erschließt sich eine eigene Weltläufigkeit, indem sie im Trachtenanzug zu den Menschenfressern reist, wo die Trommler das Kufsteinlied im Repertoire führen.

Bayrische Form des Anarchismus

Die Blosn spielen ihre traditionserneuerische Volks- und Rund-um-die-Welt-Musik so virtuos wie clownesk-pointiert. Sie schuhplattlern, und die Zugabe mit auf Zuschauerschultern postierten Alphorntrichtern ist ein Klassiker, mit aktuellen Texten haltbar gemacht. Polt gibt grandios-kurios den Flamencosänger und singt afrikanisch mit kernigem Bariton.

Den Heilsgedanken der Veränderung gibt es in diesem postheroischen Kabarett nicht. Es geht in erster Linie um eine klare Benennung der Verhältnisse, allerdings in beinahe versöhnlichen Gestus. Eingehend beschrieben werden die Zustände nicht. Weiß doch eh jeder Bescheid. Sie klingen beiläufig an, in der bayrischen Form des Anarchismus, der Nichtanerkennung von Obrigkeit.

Die notorische Aufklärung der ohnedies Aufgeschlossenen, die zum Wesen des traditionellen politischen Kabaretts der Nachkriegszeit gehörte, unterbleibt. Es ist in erster Linie eine pfundige Gaudi. Man weiß sich einig zwischen Bühne und Publikum – und macht sich einen schönen Abend!

Quelle: op-online.de

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