Kult der Skurrilitäten

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Jean Benoît, Antiquität des 20. Jahrhunderts, 1965

Der 1924 von André Breton in die Kunst eingebrachte Surrealismus ist nicht tot. Das zeigt in der Frankfurter Schirn die aktuelle Rauminstallation „En passant“ der Künstlergruppe „ET AL“, die zwischen goldenem Brunnen, Licht und Geräusch, zerschundenen Plastikkörpern und abgeschlagenen Kunstköpfen Raum für Assoziation und Zeitkritik lässt. Von Reinhold Gries

Das ist, mit dem frühen Surrealisten Lautréamont gesagt, „schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch“.

Es folgen 180 Objekte, Skulpturen und Assemblagen von 51 Künstlern, vom Dadaismus der 20er bis in die 70er Jahre, anarchisch, ironisch und poetisch mit Mitteln der Entfremdung, absurden Kombinatorik und Verwandlung. Freuds und Jungs Reisen ins Unterbewusste sind gegenwärtig, Ideen des Marquis de Sade.

„Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray“, bis 29. Mai in der Kunsthalle Schirn, Frankfurt, Römerberg. Geöffnet Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 19, Mittwoch/Donnerstag 10 bis 22 Uhr

Der wie eine Fetisch-Sammlung oder Kunstkammer inszenierte Pfad menschlicher Rätselhaftigkeit und Obsession provoziert nicht mehr so wie 1938, als Salvador Dalí, Max Ernst, André Masson oder Man Ray in Paris mit „Mannequins“ – umgestalteten, verschleierten und enthüllten Schaufensterpuppen – Aufsehen erregten. Fotos erinnern an diese Zeit, viele Originalobjekte waren noch nie gemeinsam ausgestellt. Inkunabeln geworden sind Dalís „Hummertelefon“, Rays Bügeleisen mit den herausstehenden Nägeln oder sein Metronom mit dem Pendelauge, auch Meret Oppenheims vergoldeter Holztisch mit bronzenen Vogelbeinen, Conroy Maddox’ vernagelte „Onanistische Schreibmaschine“ oder Angel Ferrants maschinenhaftes „Mannequin“. George Grosz’ und John Hartfields elektromechanische Dada-Figurine „Wildgewordener Spießer“ wirkt samt Orden, Beinstumpf und Glühbirnenkopf nicht wie Protestkunst, eher historisch.

Zeitlos erscheinen Hans Bellmers „Halbe Puppe“, Jean Benoîts Rugby-Ei in Stacheldraht, Rays verhüllte Nähmaschine. Mit dem Widerwillen spielen Oppenheims Pelzhandschuh mit lackierten Fingernägeln oder Marcel Duchamps zum Schaumstoff-Spiegelei bearbeitete Frauenbrust „Bitte berühren“. Während Oppenheims Puppenobjekt „Abendkleid mit Büstenhalter-Collier“ für Fassung sorgt, testen Duchamps pelzbesetzte Schürzen mit offenem Hosenstall und Bellmers aufsteigende Busen die Provo-Skala neu aus.

Ohne Blick unter die Gürtellinie kommt anderes aus wie Isamu Noguchis knochendurchsetztes „Heldendenkmal“, Leo Dohmens „Wortspiel“, Rays Kasten-Objekt „Was uns allen fehlt“. Alexander Calders Mobiles abstrahieren Unsagbares – „Rote und schwarze Welle auf grauem Stiel“, „Weiße und schwarze Scheibe“, „Tänzer und Kugel“.

Frei fantasiert sind Max Ernsts Gipsfigur „Habakuk“, Alberto Giacomettis Bronze „Liegende Frau träumend“, René Magrittes bemalte Totenmaske Napoleons, André Massons gespenstisches „Wüstendenkmal“, Henry Moores „Mutter und Kind“ und Pablo Picassos Figur aus einem Champagner-Drahtkorken. Da ist Fantastik zu Traumkunst geworden!

Quelle: op-online.de

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