Warten auf den Weltuntergang

Verschlafen Amanda (T. Charalgina, l.) und Amando (P. Roach) den Untergang? Foto: Pipprich

Mainz - Die aktuelle Weltuntergangs-Prognose, nach dem Maya-Kalender, lautet auf den 21. Dezember 2012. In György Ligetis Oper „Le Grand Macabre“, die nun im Großen Haus des Staatstheaters Mainz Premiere hatte, verteilt der ins Publikum ausströmende Chor Zettel mit dem Maya-Datum. Von Axel Zibulski

Denn das Weltende scheint nahe in Ligetis 1978 in Stockholm uraufgeführtem Werk, das seither von fast 30 Bühnen nachgespielt wurde. Nur wenige Opern aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind so erfolgreich wie das Geschehen in Ligetis fiktivem „Fürstentum Breughelland“ aus dem „soundsovielten Jahrhundert“.

Der angekündigte Weltuntergang fällt allerdings auch in Breughelland aus. Aber bis dahin ist jede Menge los. Sex, Alkohol, Dekadenz, ein Volksaufstand, bis eine Puppe von Breughellands Geheimpolizeichef Gepopo geköpft wird. In der Oper nach Michel de Ghelderodes absurder „Ballade du grand macabre“ (1934) regiert der infantile Fürst Go-Go, der in der Mainzer Neuinszenierung von Lorenzo Fioroni aber als ranke Talkshow-Diva in Grün Hof hält: Sopranistin Vida Mikneviciute herrscht auf der Bühne des Mainzer Staatstheaters herrlich grotesk, komisch und präsent, missversteht Aufbegehren als Huldigungen, selbst wenn im dritten der vier Bilder der Chor aus den Parkettreihen deutliche Banner hochhält.

Zuschauer ist hautnah dabei

Da ist man längst mittendrin im Geschehen - aus dem Hintergrund schneiden Bläser-Fanfaren herein wie zum Jüngsten Gericht. Und Nekrotzar, Weltuntergangsverkünder aus dem Volk, reiht verzerrte Bibelverse aus der Offenbarung des Johannes aneinander. Bariton Stefan Stoll verkörpert diese eigentliche Hauptfigur der Oper herrlich tumb und grob, dann verirrt und verwirrt.

Gespielt wird in Mainz die verbindliche, von György Ligeti (1923-2006) überarbeitete Werkfassung aus dem Jahr 1997, und zwar in deutscher Sprache mit höchst hilfreichen deutschen Übertiteln. Im nach oben offenen, pigmentierten Kachelwände-Bühnenbild (von Paul Zoller) setzt der 1972 geborene Schweizer Regisseur Lorenzo Fioroni den „Grand Macabre“ wie eine atemlose, schräge Revue in Szene, weniger deutend oder botschaftend als prall und bildstark draufblickend. Eine Bühnen-Kamera fängt vergrößernd Sanja Anastasias görenhaft aufgedrehte Mescalina sogar hinter der Szene ein - im zweiten Bild sind wir Voyeure im Schlafzimmer des Hofastrologen Astradamors (Hans-Otto Weiß), dem der vermeintlich nahende Komet angesichts des heimischen Szenarios gar nicht ungelegen kommen dürfte. Skelett-Bilder Pieter Brueghels des Älteren legen sich als Projektionen auf die Bühne, als Breughellands Totengräber Piet-vom-Fass setzt sich Tenor Alexander Spemann rotweinsatt ins Bild.

Musikalisches Ausrufezeichen

In seiner ersten Saison als Mainzer Generalmusikdirektor setzt Hermann Bäumer mit dem Philharmonischen Staatsorchester, dem Chor und dem Extrachor des Staatstheaters ein kräftiges musikalisches Ausrufezeichen. Ligetis mitunter grell mit Autohupen oder Türklingeln gespickte Partitur, die teils mit klassisch-romantischen Zitaten durchwobene Musik klingt genau, humorvoll, plastisch, das Orchester spielt ungemein flexibel und nie zu dominant.

So ambitioniert kann Staatstheater sein wie derzeit in Mainz: Den vermeintlichen Weltuntergang verschlafen haben nur Amanda (Tatjana Charalgina) und Amando (Patricia Roach) als Bräutepaar in Weiß (Kostüme: Kathatina Gault). Vom Publikum dagegen wurde die Premiere zwei pausenlose Stunden lang höchst wach verfolgt - und am Ende uneingeschränkt bejubelt.

Quelle: op-online.de

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