Kultur des Stuhls von Ming bis Mao

Beim Betrachten des „Sit in“ zu 500 Jahren chinesischer Sitzkultur in Frankfurts Museum für Angewandte Kunst kommen einem Sitz-Metaphern in den Kopf. Breit ausladende Stühle von der Ming-Zeit (14. bis 17. Jahrhundert) über Mao bis heute erinnern an „Aussitzen“ und „Sitzfleisch“. Auf gepolsterten, mit Schondeckchen geschützten Plüschsesseln der Peking-Elite saß nicht nur der „Große Vorsitzende“ an den Schalthebeln der Macht. Von Reinhold Gries

Unvergesslich die Sitzungen von Mao und Nixon im rot ausgekleideten Saal. Wer da zwischen die Stühle geriet, den haute es rasch vom Hocker – oder er musste ganz schnell einsitzen ...

Auf Teppichen oder dem Boden sitzt man im verstädterten China nicht mehr. Das Vorrecht älterer Herren, in starrer Haltung frontal auf Hufeisenstühlen mit Armlehnen thronend, zeigen historische Rollbilder. Fotos zeigen jüngere Herren im Rattanliegestuhl mehr hängend als sitzend, denn Edelholz war und ist Begüterten vorbehalten.

Verblüffend bei der Stilkunde zur Ming- und Quing-Dynastie ist die Ähnlichkeit zu Sesseln und Stühlen aus Europa. Beziehungen zwischen barocken chinesischen Vorbildern und europäischen Nachempfindungen sind augenfällig. Offenbar waren Jugendstil- und Art-Deco-Designern Stücke wie der Ming-Klappsessel mit gebogener Rückenlehne, der Beamten-Armlehnstuhl oder der Hocker mit geschwungenen Eckbeinen bekannt. Klassische Armlehnstühle des 18. Jahrhunderts mit Rohrgeflecht ähneln auffällig Marcel Breuers berühmtem „Wassily“-Sessel von 1928 – bis auf das Stahlrohrgerüst. Auch das Klappstuhlpaar mit geschwungener textiler Sitzbespannung aus dem 18. Jahrhundert ginge als modernes Designerstück durch, zu schweigen vom Hongmu-Liegestuhl mit Leinen aus dem 19. Jahrhundert.

„Sit in China“ im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, Schaumainkai 17. Geöffnet bis 31. Januar 2010 Dienstag bis Sonntag 10 bis 17, Mittwoch 10 bis 21 Uhr

Auf andere Art modern sind selbst in China oft unbekannte „Junge Wilde“. Der 1964 geborene Shao Fan kreiert ab 1996 eine humorvolle „Stuhl“-Serie, die Teile auseinandergenommener Ming-Möbel mit zeitgenössischen Holz- und Acrylformen kombiniert. Stuhlplastiken wie „Mond“ (1995), „Bankett“ (1996) und „Arbeit Nr. 1“ (2004) wirken in Dekonstruktion und Re-Montage wie Dada-Objekte der 20er Jahre.

Ein Professor Yang aus Peking restauriert wundervolle Stühle des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die belegen: Es gab in China zwischen 1840 und 1940 eine bürgerliche Einrichtungskultur, was die Partei nicht wahrhaben will. Der gefiel auch nicht, wie der subversive Ai Weiwei die Kasseler documenta 2007 um 1001 Menschen und 1001 Stühle bereicherte; eine Provokation nach dem Motto: „Ich sitze, also bin ich.“

Das kreative Potenzial des Riesenreichs zeigt sich auch in den „Bastard Chairs“, bei denen Not zur Noblesse gemacht wird. In der Mangelwirtschaft ersetzt ein Eimer oder eine Flasche das fehlende Stuhlbein, ein Schachbrett dient als Sitzfläche, eine Pappschachtel als Armlehne. Der Fantasie sind beim Recyceln von Leitern, Plastiksäcken, Feldsteinen oder Obstkisten keine Grenzen gesetzt. Ähnliches wird in hiesigen Galerien als Kunst gefeiert.

Auch beim Wohlstand holt China auf. Kreationen wie Freeman Laus gediegene „Chairplay“-Sitzplastiken aus gemasertem Edelholz passen ebenso in jedes westlich gestylte Ambiente wie Li Jiweis transparente Stühle der Serie „Conceptual Seating“ oder Danful Yangs postmodern ornamentierte „Fake“-Sofamontagen aus Holz, Taschen und Accessoires. Die unter Mao kritisierte Dekadenz des Westens mit ihrem „bourgeoisen“ Sitzen in weichen Garnituren setzt Trends in verbürgerlichendem Hongkong und Schanghai. 

Quelle: op-online.de

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