Kunst geht neue Wege

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Matt Bromley, Grafiker, Designer und Skateboarder, bringt die geheimen Codes der Graffitikünstler nach Frankfurt

Frankfurt - Wie wichtig Geheimnisse sind und wie unterschiedlich sie wahrgenommen werden, beleuchtet eine gemeinsame Ausstellung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) und des Kindermuseums. Von Carsten Müller

Das MMK beschreitet damit Neuland: Erstmals präsentiert das Museum für zeitgenössische Kunst Arbeiten, deren Ästhetik sich gezielt an Kinder richtet, sagt MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer.

Kurator Jakob Hoffmann prophezeit den Aufsehern anstrengende Wochen, denn in der Schau mit dem Titel „Pssst“ gibt es viel zu entdecken und – für ein Museum ungewöhnlich – reichlich Dinge zum Anfassen. „Die Künstler trauen Kindern etwas zu, geben ihnen die Möglichkeit, selbst etwas zu entdecken“, erläutert Hoffmann. Doch als „Event-Park“ sollten die eigens für die Ausstellung geschaffenen Objekte der Ateliergemeinschaft Labor Frankfurt, die unter anderem Spielzeuge entwickelt und Bücher gestaltet, sowie der Kreativabteilung der 2007 gegründeten britischen Kinderzeitschrift „Anorak Magazine“ unter keinen Umständen gesehen werden.

Die Fantasie spielen lassen

In der „Beichtbude“ kann man Geständnisse schreiben und gleich wieder schreddern.

Die Fantasie spielen lassen können Kinder und Erwachsene im Angesicht der Installation „Hosentaschenfundstücke“ von Moni Port (Jg. 1968). Einhundert Plexiglaswürfel hat sie mit dem Inhalt von Kindertaschen aus verschiedenen Ländern befüllt. Man entdeckt Korken, Nüsse und Steine, aber auch auf den ersten Blick nicht sofort identifizierbare Objekte – manches davon sicher von unschätzbarem ideellen Wert. Am 3. Januar sollen fünfzig der Kästen ausgetauscht werden. Kinder können bis dahin eigene Hosentaschenfunde stiften.

Die in den großformatigen Drucken von Rob Flowers (Jg. 1981) verborgenen Wesen sind hingegen nur mit speziellen Folien zu entdecken. Die dafür notwendigen Masken anzulegen, ist schon eine Schau. Tarnung spielt auch bei Jörg Mühle (Jg. 1973) eine Rolle, der rätseln lässt, welche berühmten Visagen sich hinter den Masken verstecken, die er auf Papier gemalt und seriell installiert hat.

Ins Grübeln bringen die von Simon Peplow (Jg. 1979) entwickelten Zeichencodes. „Geheimnisse sagen – Geheimnisse hören“ kann man anhand der magisch verschlungenen Staubsaugerrohre in Rob Lowes (Jg. 1971) wandfüllender Installation.

„Monster!“ freundlich oder bösartig

Christoph Fellehners „Geheimbotschafter“ spricht perfekt rückwärts.

Ob Gemma Corrells (Jg. 1984) „Monster!“ freundlich oder bösartig gesinnt ist, bleibt in der Schwebe. Im Bauch der Skulptur sind tastbare Spielzeuge verborgen. Man muss sich überwinden, wie beim römischen Mund der Wahrheit, um dieses Geheimnis zu lüften. Mut zur Grenzüberschreitung erfordert auch der Raum von Natascha Vlahovic (Jg. 1971), aus dem mysteriöse Geräusche dringen – die Tür ist nur angelehnt, dahinter wartet ein Vorhang und dahinter...

Christoph Fellehners (Jg. 1971) „Geheimbotschafter“ lässt wie ein falsch gepoltes Diktiergerät zuvor aufgesprochene Texte rückwärts ablaufen. In der jahrmarktähnlichen „Beichtbude“ des Duos von Zubinski kann jeder aufschreiben, was ihm auf der Seele brennt – und sofort wieder im Aktenvernichter schreddern. Um das überraschende Innenleben von Philip Waechters (Jg. 1968) Wal zu erkunden, muss die Jalousie gehoben werden. Eigene Welten kann man mit Adam Higtons (Jg. 1985) Stempeln künstlerisch gestalten.

Suchspiel der besonderen Art

Ein Suchspiel der besonderen Art, nämlich nach verräterischen „Tags“ von Graffitikünstlern, hat Matt Bromley (Jg. 1989) auf Raumquader gesprayt. Thomas Forsyth und Dominic Lanes (Jg. 1985) Installation „Dance with us“ lässt eine aus einem Koffer sprießende Blume seltsam tanzen, Claudia Weikert (Jg. 1969) hat eine Wohnzimmerecke zum verschachtelten Bilderrätsel inszeniert. Anke Kuhls (Jg. 1970) schwarze Spiegelboxen erzeugen skurrile Porträts des Betrachters. Einige Werke knüpfen Bezüge zum Kindermuseum, wo eine Gemeinschaftsarbeit entstanden ist. Der Weg dahin gleicht einer Schnitzeljagd – und macht einen kinderfreundlichen Bogen um den Weihnachtsmarkt.

„Pssst“ vom 15. Dezember bis zum 27. Januar 2013 in MMK Zollamt und Kindermuseum Frankfurt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr. Zur Ausstellung gibt es kindgerechtes Material, Führungen, eine Geheimnis-Werkstatt sowie Workshops mit den Künstlern.

Quelle: op-online.de

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