Kunst der Irritation

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Hans Michael Frankes Muschelkalk-Skulpturen

Seligenstadt - „Konkrete Kunst“ hat zuweilen etwas Irritierendes, auch in der Galerie des Kunstforums Seligenstadt. Geht man an Edgar Diehls gefalteten Alu-Blech-Reliefs mit ihren vertikalen Farbstreifen entlang, verändert sich die Ansicht ständig. Von Reinhold Gries

Ungewöhnlich auch die Konfrontation fast expressiver Acryl-Schleifbilder Ulrich Diekmanns mit „bruchrauh“ aus Stein gesägten Skulpturen Hans Michael Frankes. Offensichtlich hat sich aus Bauhaus- und De-Stijl-Idee entwickelte Konkrete Kunst weiterentwickelt. Was Künstler aus ganz Deutschland zeigen, entspricht Theo von Doesburgs Forderungen: „Konkrete Kunst ist universell, vermeidet Lyrik und Dramatik, ist aus rein bildnerischen Elementen konstruiert, ist visuell überprüfbar. Sie strebt nach absoluter Klarheit.“

Wie undogmatisch und zeitlos das umgesetzt wird, ist im Keller zu sehen, wo Frankes polierte, fragmentierte „spaceframes“-Muschelkalk-Rechtecke mit altem Bruchsteingewölbe korrespondieren. Hülle und Kern, Masse und Raum, glatte Flächen und raue Kanten sind sein Thema.

Andere führen das Bauhaus-Erbe klassisch fort

Ins Räumliche gehen auch Ingrid Horneffs Materialobjekte. In „alea iacta est“ fügt sie schwarze und weiße, mit geometrischen Linien strukturierte Würfel in Serie neben- und übereinander. Bei anderen Wandarbeiten sind schwarze Platten rechtwinklig aneinandergesetzt, darin holzdübelartig Elemente, mit weißer Linie verbunden. Aus unzähligen Zahnstochern und satten Acrylfarben entwickelt Horneff Wortspiele wie „HEISS“ und „GEMEINSAM“.

Ob da Kunst nur sich selbst genügt, ist die Frage. Auch bei Ulrich Diekmann, der sich an farbkräftig schillernden Acrylpasten abarbeitet, sie übereinanderlegt und in nassem Zustand immer neu abschleift. Vielschichtiger Prozess des Fließens wird zwar zur Erstarrung gebracht, aber keineswegs „cool“ oder „im Kopf planbar“ (Doesburg).

Andere führen das Bauhaus-Erbe klassisch fort, nutzen aber Techniken, die es früher nicht gab. Edgar Diehls kunstvoll gefügte Wandreliefs „Kathedrale IV-VI“ sind so perfekt durchkalkuliert wie Wolfgang Berndts diffizile Bildpunktmosaike und Pigmentdrucke. Während es Diehl in räumliches Licht- und Schattenspiel drängt, öffnet Berndt Räume in der Fläche. Grundlage sind Berndts programmierte Algorithmen, die er präzis und virtuos zum Schwingen bringt.

„Grenzgänger der Konkreten Kunst“ bis 12. Dezember im Kunstforum Seligenstadt, Galerie Altes Haus. Geöffnet Freitag, Samstag und Sonntag, 15 bis 18 Uhr, und nach Vereinbarung unter Tel. 0179 9116121.

Dieter Balzer nutzt Bildverarbeitungsprogramme für virtuelle Raumstrukturen. Wie er Farbspiele in Folien und Streifen arrangiert, erinnert an Neue Musik. Harmonie prägt markante Acrylmalereien und Serigrafien Gerhard Hotters, der Zahlenmuster des Physikers Dudley Langford durchforstet und darin nach bildnerisch-poetischem Material fahndet. Seine farbkräftige „Langford-8-Serie“, Zeichen-Bilder und „Box“-Reihe unterstreichen, wie nah Kunst und Naturwissenschaft beieinander sein können.

Quelle: op-online.de

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