Blick über Tellerrand

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Karlheinz Bux zeichnet mit Bleistift auf Glas, während Barbara Denzler Fotografien zu organisch wirkenden Objekten montiert.

Offenbach - Es kann nie schaden, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Auch nicht in einer umtriebigen Kunststadt wie Offenbach. Von Carsten Müller

Die in der Frankfurter Straße gelegene Galerie von Thomas Hühsam beispielsweise erlaubt zurzeit einen intensiven Blick nach Karlsruhe, immerhin Standort einer etablierten Messe und einer Staatlichen Kunst-Akademie. Von dort kommen sechs Künstlerinnen und Künstler, ausgewählt von der Sammlerin Johanna Feldhausen-Rihm, deren Positionen zwar nicht unbedingt repräsentativ sind, aber in unterschiedlichsten Medien ein Gefühl für die speziellen Unterströmungen der dortigen Kunstproduktion vermitteln.

Aus Stoff und Metall erschafft Nele-Marie Gräber (Jg. 1983) poesievolle Imaginationräume und bespielt dabei kleine wie große Formate mit beeindruckender Souveränität. Wie geraffte Vorhänge wirken mit Akribie genähten und auf Stahlrohre gezogenen Wandobjekte, zarte Federn bettet sie behutsam in feinste Futterale aus farbigem Filz, arrangiert zugleich Winkeleisen und Stoffe zu einer dominanten Bodeninstallation, die vielfältige Assoziationen an Sitzgelegenheiten und Schutzwände hervorruft.

Überraschende Details der Hinterglasmalerei

Axel Philipp (Jg. 1956) offenbart in seinen Fotografien den Blick für überraschende Details einer besonderen Art der Hinterglasmalerei. In Südfrankreich werden die Schaufenster leer stehender Läden mit weißer Farbe blickdicht getüncht. Die rhythmischen Strukturen, mal wellenförmig, mal sich schlängelnd, oder auch die Spuren der Pinselhaare sind von hohem ästhetischen Reiz und kontrastieren wirkungsvoll mit den ganz allmählich hervortretenden Spiegelungen des Straßenbildes.

Strenge geometrische Formen fasst Julia Sinner (Jg. 1984) in reduzierte Farbflächen und Wandobjekte, über deren Bestimmung sich trefflich rätseln lässt. Das geschweißte und altweiß patinierte Metalltrapez-Gitterwerk, die rhythmisierten Farbfolgen ihrer Malerei: Aus starrer Begrenztheit entfaltet sie eine Kunst der Möglichkeiten. Und sorgt selbst für haptische Kontraste: Weiche Falten wirft eine an den Nagel gehängte weiße Leinwand mit schwarzem Rand – der Titel „Coco“ erschließt eine weite erzählerische Ebene.

Teil einer großen Erzählung: Ulrike Michaelis, „lamento“, 2009, Eitempera und Fotokopie auf Holz

Vielschichtig im wahrsten Sinne sind die auf Glasplatten aufgebrachten und von Fotografien inspirierten Bleistiftzeichnungen von Karlheinz Bux (Jg. 1952). Die halbtransparenten Motive lösen sich fast gänzlich auf in den dichten linearen Texturen. Hell-Dunkel-Kontraste erzeugen plastische Tiefe. Im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Figürlichkeit entsteht ein zeichnerisches Dickicht, in dem der Betrachter sich verlieren kann.

Ähnliche Empfindungen stellen sich im Angesicht von Barbara Denzlers (Jg. 1964) Fotomontagen ein. Alltagsgegenstände maskiert sie mit Netzen, verfremdet mit dem Makro-Objektiv verschlungene Fensterdichtungen und Silikon-Schnüre zu organischen Großstrukturen, fügt Ausschnitte von Interieurs und Accessoires hinzu und komponiert dies mit zurückhaltend eingefärbten Flächen sowie behutsamen zeichnerischen Eingriffen zu malerischen Wandobjekten, in denen man verzweifelt nach Anhaltspunkten sucht. Und letztlich davon ablässt, weil dieses jeden Maßstab verneinende Verwirrspiel faszinierende Methode ist.

Erzählung nimmt gefangen

Geometrische Farbflächen und figürliche Bildelemente setzt Ulrike Michaelis (Jg. 1958) in ihren Eitempera-Malereien in rhythmisierte, vertikal zerschnittene Bewegung um. Der Übergang von monochromen Flächen zu grob gerasterten Fotokopien wirken wie selbstverständlich. Und obwohl eine Umarmung oder eine sich entfernende Person nur zitathaft angedeutet werden, scheinen sie Teil einer Erzählung zu sein, die gefangen nimmt.

„Fundstück“ noch bis 11. November in der Galerie Thomas Hühsam, Frankfurter Straße 61, Offenbach. Geöffnet: Mittwoch bis Freitag von 15 bis 20 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel.: 069 810044.

Quelle: op-online.de

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