Kunst der Moderne inspiriert

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Kalebassendeckel aus Tansania

Der Ausbau des Frankfurter Museums der Weltkulturen am Schaumainkai lässt auf sich warten. Bis dahin wollen Verantwortliche der Stadt Einblick geben in Schätze außereuropäischer Kulturen, die sonst ungesehen in Frankfurter Hallen und Depots lagern. Von Reinhold Gries

Aus 67.000 Objekten und „Ethnographica“ hat die designierte Museumsleiterin Dr. Christine Stelzig mit ihrem Team 130 künstlerisch Hochkaräter ausgesucht, um in einer exquisiten Ausstellung mit Klischees aufzuräumen, Kunst sogenannter Primitiver sei gegenüber europäischer Hochkultur minderwertig.

Schließlich bewunderten moderne Meister wie Picasso, Giacometti, Kirchner und Nolde die „primitive“ Kunst – und profitierten von ihr. Stelzigs ästhetisches Konzept vorurteilsfreier Neugier will die alte Trennung von Ethnologie und Kunst überwinden. Und möchte in Sachen Besucherzahlen da hin, wo man vor dem Zweiten Weltkrieg war. Das Völkermuseum im Palais Thurn und Taxis war die bestbesuchte Sammlung im Rhein-Main-Gebiet.

Spektakulär zieht am Eingang der „Villa 29“ ein dreieinhalb Meter langes Kultpferd von der Insel Flores die Blicke auf sich, einst über dem Kulthaus eines indonesischen Dorfs schwebend. Unweit einer drei Meter hohen Himmelsstütze greift ein reich beschnitzter Ahnenaltar fast totemartig in den Raum aus. Attraktiv schlängelt sich der indonesische „naga“-Schlangendrachen zu einem Grabpfosten aus Sulawesi, dessen Schnitzereien die Schiffsreise der Seelen ins Totenreich illustrieren.

Mythische Figuren scheinen aus Südostasien in unsere Zeit zu springen – die steil aufragende Kareau-Menschenfigur, fast in den Himmel greifend, die Niha-Ahnenfigur mit gabelförmigem Kopfschmuck, die kauernde Bulul-Skulptur von den Philippinen, das dämonische Senapu-Kultschild. Die schönste Abteilung zeigt auch Bekanntes wie einen flammenzüngelnden Bali-Opferstuhl, eine bestickte Palembang-Tunika, reich dekorierte Stoffe, kunstvoll geflochtene Hüte und prächtige Glasperlengehänge.

Stiergruppe aus Mexiko

Kulturell nah wirkt Ritualkunst aus Ozeanien. Magische Ornamentik bestimmt figurierte Schalen, ein Holzkästchen aus Polynesien und ein Kultschild aus Melanesien. Einzigartig ist die Malagan-Maske aus Neuirland mit abklappbaren Ohren, aus deren Nase und Mund weitere Figuren wachsen. Haben Kubisten solche Objekte gekannt? Hat Arp den Stösselgriff aus Neuguinea gesehen? Dann wären Neuerer der Moderne entzaubert. Voll alten Zaubers stecken Clanmasken aus Neuguinea in Schweins- und Tier-Mensch-Gestalt. Einen anderen Osten verkörpern die Buddha-Figur aus dem kaiserlichen China und ein streng stilisiertes japanisches Gewand.

Being Object. Being Art.” Meisterwerke aus den Sammlungen des Museums der Weltkulturen Frankfurt, Schaumainkai 29. Geöffnet bis 31. Oktober 2010: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 10 bis 20 Uhr

Dass Afrika sehr eigenständig ist, wird an der Kunst sichtbar. Tierköpfige Reliefplatten aus Benin, figurenreiches Orakelbrett aus Nigeria, massive Kuyu-Maske aus Gabun und stilisierte Maske aus dem Kongo entfalten spröden Charme. Konische Kalebassendeckel aus Tansania bezeugen ästhetisches Empfinden. Amerika bietet ein bunteres Bild. Seit der Kolonialzeit sind sie bekannt in Europa, die peruanischen Kopfvasen, die farbenreichen mexikanischen Töpfereien, die Azteken-Statuen und die brasilianischen Kopfschmuckfedern. Und heute leisten Tourismusindustrie sowie TV-Serien ganze Arbeit.

Quelle: op-online.de

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