Kunst muss herausfordern

Jürgen Lenssen würde man auf den ersten Blick nicht für einen Kirchenmann halten. Sein Habitus mit stilbewusst-modischer Brille scheint ihn als Vertreter der Kunstszene, Sammler oder Galeristen auszuweisen. Von Stefan Michalzik

Kirche und Kunst treffen in der Person des geweihten Priesters zusammen: Der Domkapitular, seit 1989 Leiter der Abteilung Bau- und Kunstwesen, sieht sich in der nach dem Krieg begründeten fortschrittlichen Tradition im Bistum Würzburg verwurzelt.

Vorwiegend an seiner Arbeitsbiografie entlang entwickelte der Kunsthistoriker, der auch die Stiftung Kunstsammlung des Bistums leitet, unter dem Titel „Zeichen für das Ewige“ bei der Offenbacher Vortragsreihe „Ariadnes Faden“ im als Lilitempel bekannten Metzlerschen Badehaus einen Abriss zur kirchlichen Kunstpolitik. „Die Kunst ist von höherer Bedeutung als die Konfession“ – eine These dieser Art ist geeignet, in kirchlichen Kreisen Anstoß zu erregen. Lenssen führt das Beispiel des österreichischen Malers und Bildhauers Alfred Hrdlicka an, eines Atheisten, der sich an der Gottesfrage intensiv abgearbeitet hat. Bischof Julius Döpfner habe Lenssen weitreichende Freiheit für den Aufbau der Sammlung eingeräumt.

Bei Darstellungen eines nackten Jesus etwa, bei Werken, die als blasphemisch empfunden werden können, stoße die Freiheit an Grenzen. Grundsätzlich handle es sich um eine Gratwanderung. Viele Kirchenrepräsentanten wollen Lenssen zufolge ihre Gottes-, Lebens- und Weltsicht gespiegelt sehen. Das sei oft eine Perspektive des 19. Jahrhunderts. Dafür fand Lenssen die scharfen Worte eines „restaurativen, fundamentalistischen Denkens“.

Zweckgebundene Kunst, ob im Dienst der Kirche oder des sozialistischen Realismus, eine Kunst, die mit einem Zusatz versehen ist, könne keine sein. Unabhängig von Glauben und Kirche spiegele sich in den Werken von Künstlern wie Käthe Kollwitz, Otto Dix, Stephan Balkenhol oder Werner Tübke eine Auseinandersetzung mit Grundfragen der Existenz.

Vor den Lohn seiner aufschlussreichen Ausführungen hatte Lenssen einige Mühen gesetzt. Eigene Verdienste nicht hintanstellend hatte er Station für Station den am Nullpunkt einsetzenden und noch nicht abgeschlossenen Aufbau einer reichhaltigen Landschaft von über das Bistum verteilten, sich wie Abteilungen eines Hauses ergänzenden Kirchenkunstmuseen referiert. Die Konzeption einer Reihe kompakter Häuser, die sich am Rande eines Wanderwochenendes kommod einzeln besuchen lassen, scheint schlüssig. Gangbar ist der Weg einer Präsentation von Kunst im architektonischen Umfeld ihrer Epoche – wenngleich der Kontrast zum avancierten zeitgenössischen Bauen durchaus zuträglich sein könnte.

Bei Ankäufen lässt sich Lenssen zusichern, dass die Werke erst vier Wochen in seinem Büro stehen können. Wenn er in dieser Zeit immer noch nicht dahinter gestiegen sei, fälle er die Entscheidung, sie zu behalten: „Eine Kunst, die nicht herausfordert, taugt wirklich nicht!“

Quelle: op-online.de

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