Kunst als Totalinstallation

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„A Cutlet Vaudeville Show (1910)“ (2009)

Darmstadt - „Sie müssen nicht alles verstehen“, beruhigt Pressesprecherin Ieva Akule angesichts der überwältigenden Bilderflut aus 660 Noir-Stift-Zeichnungen und zehn Skulpturen inmitten des schwarz gehaltenen oder verdunkelten Ausstellungslabyrinth der Darmstädter Mathildenhöhe. Von Reinhold Gries

Marcel van Eedens erstmals unter dem Titel „The Darkest Museum in The World“ gezeigte 13 Erzählstränge verzweigen sich auch in großem Videospiel, Kinobox und Hörstation. Eine wahrhaft raumgreifende „Totalinstallation“, die es noch nie gegeben hat.

Inmitten raumhoch gereihter, 148-teiliger Zeichenserie „Celia (1928)“ im großen Saal der Mathildenhöhe legt der Meisterzeichner immer neue Fährten zu T.S. Eliots ironischer Salonkomödie „The Cocktail Party“. Irritation ist gewollt vor collageartigen Ausschnitten mit Sinn für Absurdes, Sex and Crime wie Zufälliges in der Welt. Auch an zwischen Fiktion und Realität pendelnder Hörstation „Gottfried Benn im Interview, 1956“, genau dort aufgestellt, wo Benn vor 60 Jahren den Georg-Büchner-Preis erhielt, wird augenfällig, warum der Niederländer aus Berlin eigentlich Schriftsteller werden wollte.

„Wurst. Eine Moritat (1911)“

„Karl’s Dream (1946)“ (2010)

Mitten im großen Saal hat van Eeden eine schwarze Architekturskulptur als Filmbox aufgebaut, sein vorhergehendes Zitat vergrößernd. Daneben ragt ein riesiges Kotelett als bemalte Hülle auf, dreidimensional aus der „Cutlet Vaudeville Show (1910)“ herausgesprungen. Die Zeichen-Show „Wurst. Eine Moritat (1911)“ könnte aus einem Film noir oder schwarz-weißen Werbestreifen der 30er bis 50er stammen – oder auch nicht.

In der Raumproportion konstruiert nach einem Mondrian-Bild, führt van Eeden auch mit Zitaten zu scheinbar bekannten Personen in die Irre. Besonders in ganz dunklen Räumen, in denen Zeichnungen nur schwach beleuchtet sind. Dabei haben schwarz-weiße Serien wie „The Zürich Trial, Part I: Witness for the Prosecution (1955)“, „Karl’s Dream (1946)“ oder „November 22, 1948“ zwischen Monumentalcomic und Fortsetzungsroman viel zu erzählen.

Zeichnungen zur Geschichte der Mathildenhöhe um Großherzog Ernst Ludwig

„Oswalds Dream (1946)“ (2006/07)

Die Jahreszahlen befremden, ist der Zeichner doch am 22. November 1965 geboren. Mathildenhöhe-Direktor Ralf Beil enträtselt: „Van Eeden thematisiert das Rätsel der Lebenszeit rückwärts. Er erkundet die Terra incognita seiner vorgeburtlichen Abwesenheit und füllt das als Leerstelle empfundene Niemandsland, indem er Geschichte und Geschichten (re)konstruiert, die ohne ihn stattgefunden haben.“ Dazu hat van Eeden aufwändige Recherchen betrieben, auch zu alten Katalogen, Filmen und Funden.

In täglicher Großzeichnung fügt er sie zu verwirrendem Mix aus realen wie fiktiven Personen, Orten und Handlungen, kommentiert in englischen, niederländischen oder deutschem Untertext oder Sprechblase. Ganz frisch sind Zeichnungen zur Geschichte der Mathildenhöhe um Großherzog Ernst Ludwig.

Dramaturgischen Halt gewinnt sein Bilderatlas durch vier Protagonisten: den real wie fiktiv belegten Botaniker Karl MackKay Wiegand („Letzte Reise nach Wien, 1948“), Eliots Romanfigur Celia Coplestone, den nach John F. Kennedys Mörder benannten Oswald (Sollmann) und den kunstverständigen Psychoanalytiker Matheus Boryna. Letzterer fährt 1941/42 mit dem Schiff „De Cornelia Maersk“ nach Namibia (früher: Deutsch-Südwestafrika), um nach Grünewald-Werken zu forschen, die inmitten erfundener Gemäldeserien auftauchen. Zum Drama gerät Borynas Odyssee beim Finale im Rotterdamer Hafen, in Zeichnung und Modellen rekonstruiert: Die „Maersk“ wird von deutschen Stukas in die Luft gejagt, wie es wirklich passiert ist. Das bezeugen Bullaugen vom Originalschauplatz.

„Marcel van Eeden – The Darkest Museum in The World“ vom 13. November bis 29. Februar 2012 auf der Mathildenhöhe Darmstadt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18, Donnerstag bis 21 Uhr

Quelle: op-online.de

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