Kunst hat viele Seiten

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Willi Schmidt, „Heinrich II.“

Hanau - Die 1857 gegründete Frankfurter Künstlergesellschaft (FKG) gehört nicht nur zu den ältesten der Welt, sie zählt auch zu den leistungsstärksten. Von Reinhold Gries

Das bestätigt sich im Hanauer Museum Schloss Philippsruhe: 21 Künstler aus Rhein-Main und Südwestdeutschland sowie sieben Gäste entfalten dort bemerkenswerte Qualität und Vielfalt, kuratiert von Richard Schaffer-Hartmann, der ihm vertraute Räume geschickt zu bespielen weiß.

Die Frankfurter Fotografin Inge Werth blickt in der Serie „Im Bett“ seit den Siebziger Jahren tief in Privatsphären.

Herausragendes Profil zeigen dabei die Bildhauer. Skulpturale Strenge, Kraft und Geschlossenheit des kürzlich verstorbenen Städel-Lehrers Willi Schmidt – beispielsweise im Frauenportrait aus Sandstein oder in blockhafter Granitskulptur „Heinrich II.“ – wirken zeitlos wie altägyptische Tempelfiguren. Kompakte Körperlichkeit und emotionalen Tiefgang verschmelzen ähnlich Hermann zur Strassens modern-archaische Bronzen „Vater und Sohn“ und „Doppelkopf – eng verbunden“. In die erste Kategorie moderner Plastik gehören auch Porträtköpfe und Menschenbilder von Clemens Strugalla, die tief in die Psyche und Physis der Dargestellten eindringen, ohne in der Serie „Gutenbergs Elemente“ den Weg zu bewegter Abstraktion zu vernachlässigen. Detailversessen Achim Ribbecks Blick auf das „Porträt Alberto“ oder auf barocke Fülle der im Marmorboot ringender Buchsbaum-Holzfiguren „Zweier ohne“.

Philosophische oder gesellschaftkritische Fäden spinnen FKG-Maler weiter, allen voran Porträtist Manfred Maria Rubrecht, der oft dem Selbst entnommenen, präzis festgehaltenen Grimassen, Maskeraden und Kostümierungen eine Mischung aus Verfremdung und Tiefenpsychologie abgewinnt. Andere rücken Menschlichem mit der Kamera auf den Leib. Klaus-Ludwig Schulz’ Fotoserie „Kein Schwein gehabt“ seziert bei Vorgängen des Schlachtens auch den, der dies tut. Inge Werths seit den 70ern Jahren entstandene Schwarz-Weiß-Fotoserie „Im Bett“ dringt tief zum „Was bist du Mensch?“ vor, ohne auszuliefern. Weniger direkt als verspielt und verschlüsselt stellt solche Fragen der Mühlheimer Zeichenvirtuose Klaus Puth in neuen Illustrationen zu Grimms Märchen.

Dasein an der menschengemachten Umgebung

Nicolas Vassilievs Acryl-Malerei „Große Textur 08“

Andere spiegeln das Dasein an der menschengemachten Umgebung: die frischgebackene Kulturpreisträgerin Ursula Zepter in prall gefüllten, neokubistischen Digitalcollagen mit „Main-Town-Feeling“, die auch im BOK verankerte Leonore Poth in minimalistisch mit Pastellkreide chiffrierten Frankfurt-Offenbacher Stadtlandschaften, in denen Zeichen fürs Ganze stehen. In Deniz Alts Gemälde „Haus der Zeitlosen“ gerät Stadtlandschaft zur düster-verwischter Kulisse, in Siegbert Jatzkos „Strebewerk“-Zeichnungen wächst Gotisches hoch hinaus, hinein in heutigen Futurismus. Von großstädtischem Architekturgefüge wie von Ideen geometrisch-farbiger Raumstrukturen leben die auffälligen Malereien und Grafiken des Franzosen Nicolas Vassiliev. Malerei pur auch bei prachtvoll gemalten Ballettschuhen von Claus Delvaux, nobel gespiegelten Glas-Stillleben von Joerg Eyfferth oder expressiv-abstrakten Maltableaus von Inge Helsper-Christiansen. Das ist nicht alles in Philippsruhe.

Frankfurter Künstlergesellschaft und Gäste bis 15. Juli im Hanauer Schloss Philippsruhe. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 11-18 Uhr

Quelle: op-online.de

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