Kunst von Wagner, Grass, Fischer-Dieskau und Zuse

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„Hockende“ (Bronze) von Günter Grass.

Seligenstadt - Eigentlich wollte Konrad Zuse, Ingenieur und Erfinder des ersten programmgesteuerten Rechners, ja Grafiker werden. Die Konjunkturlage gab andere Lebensrichtungen vor. Eigentlich wollte Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass vor allem bildender Künstler sein. Von Reinhold Gries

Dann kam „Die Blechtrommel“. Eigentlich war Ruth Wagner Berufspolitikerin. Dann sagte sie: „Je länger ich in der Politik war, desto stärker wuchs der Drang zu malen. “ Eigentlich war Bariton Dietrich Fischer-Dieskau einer der weltweit besten Liedinterpreten. Dann fand er die Malerei, „die durch keine andere Wirklichkeit nachgemacht oder ersetzt wird“.

Dies Einerseits und Andererseits ist die Idee der Ausstellung im Seligenstädter Kunstforum. Freizeit-Kunst wird da nicht geboten. Von Grass weiß man, dass er akribische literarische Arbeit zum „Butt“ (1977) oder zur „Rättin“ (1986) immer im Wechsel mit zeichnerischer und bildhauerischer Tätigkeit entwickelt hat. Entsprechend trifft man das Bestiarium seiner Romane und Erzählungen in Bronze-Reliefs und -plastiken oder in filigranen Radierungen wie Lithographien wieder. Grass-Formwillen setzt nach, bis in Gräten und Kopf des verzehrten Fisches oder bis zu polnischen Gänsen, die Wohlstandsbürger „fett machen“. Formsouveränität im Plastischen und Zeichnerischen entspricht der Sprachmacht.

Farben und Formen von der Musik

„Hockende“ (Bronze) von Günter Grass.

Fischer-Dieskau kennt Farben und Formen ja von der Musik. Doch beim Malen von „Nasse Straße“, „Sterbendes Bäumchen“ oder „St. Paul“ lässt er sich treiben. Gefesselt von Menschen wie von sinnlichen Natureindrücken, legt er los, nicht ohne Vorbilder aus deutschem und französischem Expressionismus. Den Gehalt von Gemälden wie „Des Lebens Tag ist schwül und schwer“, „Stilleben“ und „Guras Tannen“ oder meisterlich gezeichneten Charakterstudien wie „Julia“ und „Ambroise Thomas“ schmälert das nicht.

Auch von Zuse hätte man nicht erwartet, mit welcher Verve er seine Zukunftsvisionen ins expressive Spiel von Linien, Farben und Formen übersetzen kann. Das Kolorit seiner farbigen Arbeiten und Kreidezeichnungen wirkt wie ein Feuerwerk. Wie kühn Zuse Hochhauslandschaften, Wachstums-Gleichungen und Kathedralen emporstreben lässt, hat etwas berührend Zukunftsgläubiges.

Ex-Ministerin Wagner hat in malerisch-expressiven Arbeiten wie „Angesichts des Untergangs“ naiven Optimismus hinter sich gelassen. Weniger aufbegehrend, aber genauso überzeugend ist, wie kraftvoll und sensibel sie mit Landschaftseindrücken umgeht. Welch eindrucksvoll abstrakte Formulierungen sie in Acrylmalerei und Collagen findet, wie sie Weinbergimpressionen, Wurzelgestalten, Gebirgslandschaft oder Gewölk in Kunst verwandelt, lehrt Respekt vor der anderen, oft ebenso starken wie verletzlichen Seite jedes Menschen.

„…andererseits…“ bis 11. Dezember im Kunstforum Seligenstadt. Geöffnet: Freitag bis Sonntag von 15-18 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel: 06182-924451.

Quelle: op-online.de

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