Kunst wider Lethargie

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Dominik Meyers Reim auf die industrialisierte Fleischerzeugung.

Die „Kunstansichten“ sind vorbei, doch Offenbach verfällt nicht in Lethargie.  Von Carsten Müller

Dafür sorgt erneut der rührige Galerist Thomas Hühsam mit einer hochkarätigen Ausstellung der von ihm vertretenen Künstler, die generationsübergreifend sowohl neue anregende Begegnungen als auch Überraschendes von alten Bekannten bereit hält und schlicht auf den Titel „news II“ vertraut.

 

Eine feste Größe im künstlerischen Portfolio ist Antonio Marra zweifellos. Der in Offenbach lebende Maler hat sich längst auf nationaler Ebene profiliert. In der angestammten Wohnzimmergalerie wartet Marra mit neuen Spielarten seiner oszillierenden Konstrukte auf, die aus verschiedenen Blickwinkeln völlig neue Ansichten ergeben und impressionistische Farbflächen mit geometrischer Strenge vereinen – mit enormer energetischer Wucht.

Zur alten Garde zählt auch Christof Kohlhofer, dessen Kunst Brücken zwischen Europa und den USA baut, weil er mit den Mitteln populärer Kunst in philosophische und gesellschaftspolitische Tiefen vordringt. Vor allem seine filigranen Zeichenblätter begeistern, teils morbide, teils psychedelische Kurzgeschichten in schwarzer Tusche. Schnitte und Risse in den Blättern strukturieren die Episoden, in denen sich Noten auf dem Hochseil selbstständig machen oder Köpfe in Bäume verwandeln. Schrift ist fast überall ein konstitutives Element, der Begriff „Mixed Media“ durchaus weit gefasst.

Arrivierte Protagonisten sind Patrizio Poracchia und Uli Reuhl, beide die Malerei zur Wandskulptur erweiternd. Während Poracchia seine Farbraumkörper aus der Monochromie in kräftig schillernde geometrische Muster und Ornamente überführt, rückt Reuhl den Insignien des Wohlstands näher. US-Dollar und indische Rupie sind einträchtig aus Kunststoffblöcken gefräst, eine dreidimensionale Anbetung der modernen Götzen.

news II“ bis 25. Oktober in der Galerie Hühsam, Frankfurter Straße 61.

Geöffnet: Montag bis Freitag 15 bis 20 Uhr sowie nach Absprache unter Telefon  069/ 810044.

Faszinierend sind die Papier skulpturen des HfG-Studenten Gökhan Erdogan, der schon beim Offenbacher Rundgang auf sich aufmerksam machte. Ausdrucke von Schwarzweiß-Porträts hat er zu dicken Papierblöcken geschichtet, ihre Oberfläche plastisch angeschliffen, die wie feinstes Furnier wirkt. Ähnlich verblüffend in Machart wie Aussage auch der von Ralf Bageritz hergestellte Gebetsteppich, dessen Flokati-ähnliche Fasern aus unzähligen Silikontropfen gezogen sind. Ganz nebenbei liefert die Arzneimittelpackung „Moham med“ einen ironischen Kommentar zur Weltlage.

Gökhan Erdogans Papierskulptur.

Viel schwarzen Humor strahlen die Bilder von Dominik Meyer ab, der mit gekonnter kleinbürgerlicher Patina unsere Lebenswelt aufs Korn nimmt. Da wird nicht nur eine Axt an den Baum gelegt, sondern dieser gleich mannigfach malträtiert, und frohgemut hüpft ein Schwein mit Kinderwurst-Lächeln durch deutsches Grün. Jos Diegel zählt ebenfalls zu den jungen Stürmern und Drängern aus Offenbacher HfG-Beständen. In pastosen, roh aufgetragenen Schichten aus Acryl und Öl wirft Jos Diegel explizit politische Fragen auf, liefert deren Antworten in drastischen Szenarien gleich mit. Das ist stimmig komponiert, hochwertig ausgeführt und in der Aussage pointiert – und sucht in Offenbach seinesgleichen.

Quelle: op-online.de

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