Kunstgeist und Spießerseele

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Die Fetzen fliegen bei Berg (Sébastien Jacobi) und Eirik (Thomas Huber).

Ein Jahr ist es her, dass der von der Nordseeinsel Föhr stammende Dramatiker Nis-Momme Stockmann beim Stückemarkt in Heidelberg überregionales Aufsehen erregte. In atemberaubender Geschwindigkeit reihten sich drei Uraufführungen monatsweise. Von Stefan Michalzik

Stockmanns Stücke wurden bei den MülheimerTheatertagen und im Beiprogramm des Berliner Theatertreffens gezeigt; bei einer Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ wurde er als Nachwuchsdramatiker des Jahres gefeiert. Da kann einem angst und bange werden: Wie schnell mag der novitätenhungrige Markt einen so talentierten Jung-Autor verschleißen?

Nun das fünfte Stück binnen Jahresfrist: „Die Ängstlichen und die Brutalen“, von Martin Kloepfer in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels inszeniert, das sich Stockmann als Hausautor gesichert hat. Wieder handelt es sich um eine Familiengeschichte. Ein konfliktträchtiges Bruderpaar findet über der Leiche des Vaters zusammen. Dessen heruntergekommene Wohnung sieht so karg und zusammengebrettert aus, als wäre Ausstatterin Esther Hottenrott darauf aus gewesen, die Ausgaben zu drücken.

An sich sollte klar sein, worum es an diesem Unort geht. Einesteils darum, zu Momenten von Besinnung und Trauer zu finden; andererseits gilt es, funktionale Schritte einzuleiten: Ein Bestatter muss her und jemand, der den Müll entfernt. Die Brüder sind zum einen so wenig imstande wie zum anderen.

Berg und Eirik, gespielt von Sébastien Jacobi und Thomas Huber, verfangen sich nach anfänglicher Sprachlosigkeit in einem clownesken Herr-und-Knecht-Spiel von abgründiger Komik. Die sich als zupackend gebärdende Spießerseele Eirik kanzelt den lockenköpfigen Kunstgeist Berg als handlungsunfähig ab. Zwischen schwarzem Humor und Slapstick mit der Leiche stößt das sich in cholerischen Ausbrüchen ergießende Kästchendenken des Krawattenträgers auf den Freigeist seines schlaksigen Antipoden.

Schließlich ist es der Freigeist, der sich als der Geerdete, Lebensfähige erweist. Gnadenlos kehrt er die Rollen um und macht den ewigen Peiniger – im Innersten ein Häufchen Elend, das unter zur Schau getragener Hemdsärmeligkeit von seiner Ex nicht loskommt – zur Minna. Das Familienbild gerät ins Schwimmen, das Bild des Vaters auch: Die Brüder finden heraus, dass er Gedichte verfasst hat. Die Komödie hat sich zum Melodram gewendet. Am Ende finden die beiden über eine eingestandene Emotionalität zueinander.

Weitere Vorstellungen am 26. November, 8. und 11. Dezember

Es sind vor allem die wunderbaren Schauspieler, mit denen die Inszenierung für sich einnimmt. Stockmann ist offenkundig mehr als ein Talent. Emotionen vermittelt er über Sprache, unsentimental und pathosfrei. Sein Blick auf die Figuren ist sezierend und mitfühlend zugleich. Mag sich Eirik noch so lächerlich in seiner Starrheit verfangen haben: Denunziert wird er so wenig wie Berg, der vorführt, dass in der hausbackenen Betrachtung über die „absolute Konsequenz“ des Todes Phrasendrescherei und Wahrheit durch ein hauchdünnes Häutchen voneinander geschieden sind.

Stockmann kann Figuren zeichnen, die typisch sind, zum Klischee aber nicht erstarren. Über das rechte Maß hinaus ist der Mann nicht gepriesen worden!

Quelle: op-online.de

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