Stößchen mit Stöffchen

+
Der stadtbekannte Travestie-Star Thomas Bäppler-Wolf alias Bäppi La Belle hat im Volkstheater als Zaza einmal mehr einen großen Auftritt.

Frankfurt - Als „La Cage aux Folles“ 1983 am New Yorker Broadway Premiere hatte, markierte er eine kleine Revolution. Bis dahin kamen Homosexuelle auf der Bühne und im Film kaum vor. Von Stefan Michalzik

Basierend auf einem 1973 erschienenen Bühnenstück des Franzosen Jean Poiret beschäftigte sich der heutige Klassiker erstmals prominent mit der Lebenswirklichkeit schwuler Männer.

Am Frankfurter Volkstheater ist eine Mundartfassung des Musicals von Jerry Herman (Songs und Musik) und Harvey Firstein (Buch) zu sehen. Den Whisky trinkt man hier aus Äppelwoigläsern, ein Teil des Personal spricht hochdeutsch, ein anderer hochhessisch. „Kall, mei drobbe“, ruft Zaza, der Star eines Travestietheaters in einer Reverenz an Volkstheater-Gründerin Liesel Christ und ihre Glanzrolle als Mama Hesselbach aus, als er erfährt, dass der Sohn, den er gemeinsam mit seinem Partner Schorsch, dem Leiter der Bühne, großgezogen hat, heiraten will – und noch dazu eine Frau.

Es kommt aber noch schlimmer. Der Vater der künftigen Schwiegertochter ist ein homophober konservativer Politiker von der Union für Ordnung und Moral, weshalb zu seinem Besuch sämtliche Spuren der Homosexualität in der Wohnung getilgt werden und Albert, wie ihm lange vorenthalten wird, für 24 Stunden verschwinden und durch die leibliche Mutter ersetzt werden soll. Für weidlich Turbulenzen ist gesorgt.

Grundsolider Schauspielergesang

Wer glanzvolle Stimmen hören möchte, ist fehl am Platz. Hier wird nicht geschmettert, man hat es vielmehr mit einem weitgehend grundsoliden Schauspielergesang zu tun. Den geschickten Arrangements der musikalischen Leiterin Cordula Hacke ist es zu danken, dass das aus gerade mal vier Musikern bestehende „Orchester“ nicht wässrig dünn klingt.

Die Inszenierung des amerikanischen Musical-Fachmanns Gaines Hall betont die dialogischen Qualitäten. Die Musiknummern sind dramaturgisch klug eingebunden, allen voran eine bedächtige Interpretation des in der Version von Gloria Gaynor auch zu einem Ruhm als Discohit gelangten Standards „I Am What I Am“ durch den als Bäppi La Belle stadtbekannten Travestiestar Thomas Bäppler-Wolf, der gemeinsam mit Gaines Hall auch die Übertragung ins Hessische besorgt hat.

„Ein Transvestit und ein normaler Homosexueller“

Bäppler-Wolf als Albert/Zaza und Wolff von Lindenau als Schorsch – „Ein Transvestit und ein normaler Homosexueller“: Das sind die tragenden Säulen eines durchweg markant pointiert spielenden Ensembles. Mitsamt der Ausstattung (Bühne: Rainer Schöne, Kostüme: Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde) ist alles liebevoll und mit viel Esprit gemacht. In einer zentralen Szene bekommt Albert, der gleichsam in einer Travestie der Männlichkeit beim Familientreffen als vorgeblicher Onkel doch zugegen sein will, von Schorsch das Gehabe von Männern antrainiert. Kein abgespreizter Finger mehr beim Halten einer Tasse, dafür Breitbeinigkeit: Es ist köstlich, wie Tuntigkeit und Männlichkeitsgehabe karikiert werden.

Bekanntlich soll die nächste Spielzeit des Frankfurter Volkstheaters die letzte sein. Seit der Übernahme der künstlerischen Leitung durch Sylvia Hoffmann hat sich das Theater nach einer langen Zeit des ästhetischen Stillstands modernisiert. Spät, viel zu spät, stellt es sich nun so dar, dass man es nicht zu schließen bräuchte. Noch bis 29. September.

Quelle: op-online.de

Kommentare