„Carmen à trois“ bei den Burgfestspielen

Auf in den Lachkrampf, Torero

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Nicht immer sind sich Sabine Fischmann und Michael Quast einig über die tänzerische Richtung.

Dreieichenhain - „Carmen“ als komische Oper? Das ist ein historisches Missverständnis: Nur wegen der gesprochenen Dialoge musste Georges Bizets Meisterwerk an der Pariser Opéra Comique uraufgeführt werden. Lustig ist daran gar nichts. Von Markus Terharn 

Es sei denn, Michael Quast hat die Hände im Spiel. Und Sabine Fischmann an seiner Seite. Sowie Markus Neumeyer am Flügel, der dafür bürgt, dass alles taktfest und tonschön über die Rampe kommt. Dann ist mit „Carmen à trois“ ein höchst unterhaltsamer Abend bei den Burgfestspielen Dreieichenhain garantiert. Das Trio mit wechselndem Pianisten hat schon Mozarts „Don Giovanni“ und Strauß’ „Fledermaus“ respektvoll veralbert. Also weiß das Publikum, was ihm blüht. Und es strömt gerade deshalb; der Burggarten ist ausverkauft. Es wird nicht enttäuscht.

Quast und Fischmann musizieren mit allem, was Geräusche macht: Stimmband, Zunge, Lippen. Tröte, Blockflöten, Melodica. Trommeln, Tam-Tam, Triangel. Becken, Tamburin, Kastagnetten. Das ersetzt ein ganzes Orchester. Beide intonieren Melodien, die jeder mitsummen kann. Es ist ein Hauptspaß. Andalusien hin, Sevilla her, hessisches Kolorit darf nicht fehlen. Die Soldaten schieben Dienst an der Konstablerwache. Dorfmädchen Micaëla spricht breiten Dialekt. Und der eklige, spuckende Wirt scheint einer üblen Sachsenhäuser Ebbelwoi-Spelunke entsprungen.

Alles zu den Burgfestspielen Dreieichenhain

Running Gags sind Fischmanns dreckigstes Lachen („Höhöhähä“) und ihre spanischen Schimpfwortkanonaden sowie Quasts epische Schilderungen der Hitze unter südlicher Sonne, von seiner Partnerin mit genervten Blicken quittiert. Und ja, man geht mit der Zeit. Wenn die Titelheldin schon in einer Zigarettenfabrik arbeitet, sei auf die Gefahren verwiesen: „Rauchen kann tödlich sein. Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, und dann ab mit dem Bein...“

Es wird flamencoartig getanzt und schmugglermäßig geschlichen. Und nicht zuletzt gesungen, respektabel und mit viel Gespür für die Kostbarkeiten der Partitur. So darf Fischmann als Carmen die Habanera auf Französisch gurren, mit hartem R wie Chansonette Edith Piaf – es klingt einfach besser. Bei der Blumenarie lässt Quast als Don José ihr galant den Vortritt: Sie kann’s halt richtig. Und als Escamillo, nur echt mit Schnurrbart, wechseln sich beide artig ab.

Ein echtes Kabinettstück ist der Toreromarsch (leider geht’s nicht ohne den alten Kalauer „Auf in den Kampf, die Schwiegermutter naht“): Während er den Ablauf einer Corrida erläutert, ist sie Matador und Stier zugleich, muss sich verrenken, um die Einstichstelle für den Degen zu zeigen. Derweil mischt sich in die Musik der Triumphmarsch aus „Aida“, das Weihnachtslied „O Tannenbaum“, die Marseillaise, Mendelssohns Hochzeitsmarsch und der „River Kwai March“.

Zum Ende hin dräut verschärft das Schicksalsmotiv. Da wird es dann doch tragisch, da lässt sich einem der traurigsten aller Finales nicht mehr viel Heiterkeit abgewinnen. Obwohl Don José das Messer vergessen und niemand in der ersten Reihe eins dabei hat, sinkt Carmen erdolcht zu Boden. Und weil die Zuhörer trotz Donnergrummeln und Wetterleuchten ausgeharrt haben, folgt eine Anti-Gewitter-Zugabe. Jubel!

Jazz in der Burg in Dreieichenhain

Quelle: op-online.de

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