Lähmende Dekadenz

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Tartuffe (Wolfgang Michael) hat den Flachmann in der einen, Drogen in der anderen Tasche seines schmuddeligen Sakkos.

Frankfurt - Man staunt nicht schlecht, als sich der Vorhang im Frankfurter Schauspiel hebt: Ein im reinsten Naturalismus aufgebauter Salon mit Flügel, einer Vase mit einem dutzend Callas, einem Kronleuchter, riesigen mit Vorhängen verzierten Fenstern, die zudem so ausgeleuchtet sind, als falle Tageslicht auf sie. Von Astrid Biesemeier

In diesem etwas altbacken erscheinenden Bühnenbild (Volker Hintermeier) langweilen sich bei gepflegtem Gesang der Tochter Mariane ihre Mutter Elmire, Bruder Damis, Schwager Cléante und Zofe Dorine. Sie alle sind seltsam starr oder bewegen sich wie in Zeitlupe: Eine degenerierte, dekadente Gesellschaft, die mit sich selbst nichts anzufangen weiß. Dann staunt man wieder nicht schlecht, als plötzlich ein langer Gardinenvorhang über die Bühne schnurrt und den Salon von ein paar Sitzmöbeln auf der Vorderbühne trennt, zwischen denen Molières Tartuffe in der Inszenierung von Staffan Valdemar Holm dann spielt. Man weiß nicht, ob dem Team die große Bühne oder der naturalistische Salon unheimlich war und wessen man sich entledigen wollte.

Weitere Aufführungen finden am 24. und 26. April statt.

Den Salon kann auf diese Art noch loswerden, das einmal entworfene Gesellschafts- und Familientableau nicht. Die Jungen müssen fortan wie verzogene Sprösslinge agieren: Isaak Dentler macht auf jähzornig und lässt seinen Damis einige Male mit den Fäusten auf die hellen Sitzmöbel einschlagen, Henriette Blumenaus muss angesichts der drohenden Zwangsverheiratung mit Tartuffe hilflose Tränen einer Tochter vergießen, die offenbar noch nie für sich selbst einstehen musste. Die Bedrohung durch einen Tartuffe brauchen sie und Freund Valère gar nicht. Für die Jungen gibt der Text das auch noch her. Dorine und Elmire aber wird das anfangs entworfene Bild nicht gerecht. Und so verteidigen Josefine Platt (Dorine) und Franziska Junge (Elmire) die Würde ihrer Figuren: Platt beherzt, patent und lebensklug, Junge mit kühler und gelassener Souveränität.

Tartuffe als verwahrloster, etwas schmieriger Typ

Wolfgang Michael spielt Tartuffe als verwahrlosten, etwas schmierigen Typ. Vieles würde man diesem Lebemann zutrauen: einen Flachmann in der einen und Drogen in der anderen Tasche seines zerknautschen und etwas schmutzigen hellen Sakkos (Kostüme: Christine Mayer). Auch wie er in Dorines Dekollete glubscht und an Elmire grabbelt, erscheint passend. Nur wie der entschiedene Schuft, der er bei Molière ist, wirkt er nicht. Er ist eher verrückt statt kalkulierend – gefährlich ist er lange Zeit nicht.

Und so staunt man am Ende abermals und fragt sich, wo dieser Tartuffe die Entschiedenheit herholt, mit der er, die Vermögensverschreibung in der Hand, auftrumpft und Familienoberhaupt Orgon (Michael Abendroth) samt Anhang dem finanziellen Ruin entgegenschickt. Orgon selbst wirkt, als leiste er sich mit Tartuffe einen, an dem er sein eigenes, durch Wohlstand belastetes Gewissen beruhigen kann.

Staffan Valdemar Holm hat versucht, das Bild einer Gesellschaft zu entwerfen, in der streng genommen keiner moralisch besser ist als Tartuffe und die daher einen prima Nährboden für solche Charaktere abgibt. Das ist vom Ansatz her verständlich, im Einzelnen auch nachvollziehbar, im Großen und Ganzen geht das Konzept nicht auf. Dennoch: Das Publikum hat sich offenbar größtenteils 90 Minuten lang gut unterhalten gefühlt und die Inszenierung mit mehr als einem nur höflichen Applaus bedacht.

Quelle: op-online.de

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