Last ewigen Lebens

+
Die Primadonna (Susan Bullock) ist seit Jahrhunderten auf der Suche nach der Formel für die Unsterblichkeits-Arznei.

Frankfurt - Wenn Ungeheuerliches in eine scheinbar heile Welt einbricht, dann ist der Horror nicht mehr fern, wie ihn etwa Autor Stephen King in seinen Romanen befördert. Von Klaus Ackermann

Auch in Leos Janaceks „Die Sache Makropulos“ bringt Regisseur Richard Jones solchermaßen Hochspannung auf die Opernbühne. Geht es doch um eine mittlerweile 337-jährige Sängerin, die ewiges Jungsein gepachtet hat. In Frankfurt gibt ihr Susan Bullock unverkennbar Profil, unterstützt von Gastdirigent Friedemann Layer und dem wieder ungemein konzentriert aufspielenden Opern- und Museumsorchester. Zur Frankfurter Premiere gab es uneingeschränkt Beifall für einen Psycho-Krimi, der pausenlos in Atem hält.

Schwarzer Humor hat bei Jones und seinem Ausstatter Antony McDonald Methode: Der Prolog findet in einem Hühnerstall statt, hermetisch von hohen Holzwänden begrenzt. Nur ein kleines Fenster zeigt eine idyllische Außenwelt. Zwischen aufgeregt umherstreifendem Federvieh erhält die blutjunge Tochter eines kretischen Arztes zwangsweise jene Arznei, die ihr ein Jahrhunderte währendes Leben ermöglicht, ursprünglich für den habsburgischen Kaiser Rudolf II. gedacht.

Diva mischt Männerwelt auf

Vielleicht verhalf dem Regisseur sogar Janaceks Musik zu diesem Einfall, deren motivische Kleinteiligkeit bei spitzen Holzbläser-Dreingaben durchaus Gickern und Gackern vermuten lässt. Deren expressionistische Härten Friedemann Layer und das Orchester bis an Geräuschgrenzen erkunden, zudem in klanglich pompöse Opernwelten entführend, wo auch die gewisse melodische Süße gestattet ist – freilich immer mit bitterem Beigeschmack.

Szenenwechsel in eine etwas muffige Anwaltskanzlei, leicht wandelbar zur Bühnengarderobe der Primadonna, hinter durchsichtigen Wänden ein Flur mit Türen, die zu Klinik-Räumen führen könnten. Während ganz oben eine Modell-Trambahn (Nr. 337) vorwärts und rückwärts fährt, das unabänderliche Verrinnen der Zeit symbolisierend, mischt sich die gefeierte Diva, auf der Suche nach dem väterlichen Rezept für ihre Unsterblichkeit, nicht nur in ein schwebendes Verfahren ein, sondern auch die Männerwelt kräftig auf.

Stimmlich viel Härte im Spiel

Susan Bullock, die Brünnhilde im Frankfurter „Ring“, scheint Carmen und Lulu zugleich zu sein, eiskalt ihr Ziel verfolgend, theatralisch in konvulsivische Zuckungen verfallend und schon lange nicht mehr zu ehrlichen Gefühlen fähig. Auch stimmlich ist da viel Härte im Spiel, in gellenden, aber immer kontrollierten Spitzentönen.

Ihr erstes Opfer heißt Albert Gregor, junger illegitimer Sohn eines gewissen Ferdinand Prus, in dessen Erbe sie die Rezeptur vermutet. Tenor Paul Groves, romantischem Schöngesang nicht abgeneigt, aber auch zu grellen, Verzweiflung suggerierenden Spitzentönen fähig, erkennt erst spät, dass er keine Chancen hat.

Unschlüssig über Lust und Last des ewigen Lebens

Zum Pulk der Verehrer gehören Vitek und dessen Tochter Kristina, Tenor Jan Markvart und Mezzosopranistin Christiane Karg, stimmlich dicht an Janaceks Sprachmelos, wie Bassbariton Dietrich Volle als Anwalt. Eine herrliche Studie des leicht verrückten ehemaligen Diva-Liebhabers bietet Tenor Graham Clark, stets verfolgt von Irrenhaus-Ärzten. Während der auch sanfte Töne beisteuernde Tenor Ales Briscein als Janek Prus sich aus Liebeskummer am Kronleuchter aufhängt. Ausgerechnet als sein Vater sich dezent hinter dem Aktenschrank mit der Sängerin vergnügt, Preis fürs Unsterblichkeits-Rezept. Bariton Johannes Martin Kränzle kann als einziger auch stimmlich der Bullock Paroli bieten, vor der alle flüchten, nachdem sie ihr Geheimnis offenbart hat. Keiner will mehr die Formel haben, von der 337-Jährigen am Ende hin und her geschwenkt – unschlüssig über Lust und Last des ewigen Lebens.

Noch am 12., 14., 20., 26. und 29. April

„Ein echter Tatort“ sagte die Sitz-Nachbarin freudestrahlend beim Schlussbeifall, auf den sonntäglichen TV-Krimi anspielend. Besser gesungen wird allerdings bei Janacek ...

Quelle: op-online.de

Kommentare