Es lebe die Apokalypse

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Im Dienst einer höheren Mission: Thomas Huber als Einstein, Andreas Uhse als Möbius und Sascha Nathan als Newton.

Frankfurt - Kammerspiel im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels: Auf vorgelagerter Spielfläche hat Regisseur Markus Bothe Friedrich Dürrenmatts 1962 uraufgeführtes Drama „Die Physiker“ eingerichtet. Von Carsten Müller

Das Bühnenbild zeigt einen auf den Kopf gestellten bürgerlichen Salon, in dem Schwerkraft partiell aufgehoben scheint. Während das Klavier noch an der Decke hängt, hat es Kommode, Stühle und Tisch schon zu Boden geworfen.

Im Schweizer Privatsanatorium „Les Cerisiers“ ist auch anderweitig einiges in Unordnung: Zwei Insassen geben sich als Albert Einstein und Isaac Newton aus, ein weiterer als König Salomo, alle drei spielen aber nur die Verrückten. Tatsächlich sind Newton und Einstein Geheimagenten, die König Salomo alias Möbius beschatten. Dieser hat die Weltformel entdeckt und verbirgt sie im Wissen um die fatale Konsequenz der Veröffentlichung. Als ihnen Pflegerinnen auf die Schliche kommen, werden sie im Dienst einer höheren Mission erdrosselt, was die Polizei auf den Plan ruft. Die Kriminalgeschichte liefert den losen Rahmen für eine Reflexion über die Grenzen der Wissenschaft – ein Stück aus der Zeit des kalten Krieges, als der atomare Rüstungswettlauf die Welt bedrohte.

Viel Situationskomik ist im Spiel

Unter dem Eindruck der Strahlenkatastrophe von Fukushima besitzt Dürrenmatts Stoff hohe Aktualität. Markus Bothe verzichtet jedoch auf vordergründige Modernisierung. Seltsam entrückt wirkt seine Inszenierung, gleich einem Schwank auf dem Volkstheater. Und wie geschmiert laufen die eineinhalb Stunden der Aufführung ab.

Viel Situationskomik ist im Spiel, die vom famosen Ensemble ausgekostet wird. Traute Hoess als Anstaltsleiterin Mathilde von Zahnd hat glänzende Momente nahe am Wahnsinn, Claude de Demo verausgabt sich über die Maßen als Oberschwester Marta Boll. Zwischen Brutalität und Unbedarftheit schillert Sascha Nathans Beutler/Newton, und Thomas Huber gibt als Ernesti/Einstein die Karikatur des Irren mit vollem Körpereinsatz. Andreas Uhses Möbius glüht vor Leidenschaft, Michael Benthin ist als Kriminalinspektor ein kühler Gegenpart.

Dass sich am Ende die Anstaltsleiterin als einzige Irre unter „Normalen“ mit der Formel davonmacht, um sie in bare Münze zu verwandeln, unterstreicht die ungebrochene Aktualität des Apokalyptikers Dürrenmatt. Den Schock von Fukushima gerade eben verdrängt, blicken wir in den nächsten Abgrund, verursacht von der maßlosen Gier globaler Finanzjongleure. Auch so eine ungezähmte Spezies ...

Weitere Aufführungen am 3., 9. und 12. November.

Quelle: op-online.de

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