Leben einer Sängerin in Liedern erzählt

Sängerin Lola Blau (Sarah C. Baumann) tingelt durchs Exil. Foto: Heike Bandze

„Tralala, so ist das Leben, man setzt sich, und man setzt sich oft daneben.“ So lässt es sich umreißen, das Dasein einer Sängerin, die von der Geschichte durch das 20. Jahrhundert geschleudert wird. Und wie wäre das besser zu erzählen als in Liedern?

Der für seinen galligen Humor bekannte Georg Kreisler hat das gemacht. „Heute Abend: Lola Blau“, sein „Musical für eine Schauspielerin“, ist die perfekte Mischung aus individueller (fiktiver, aber trefflich erfundener) Künstlerbiografie und kollektivem Emigrantendrama. Die vielseitige Darstellerin, die es dazu braucht, ist in Sarah C. Baumann gefunden. Und das Publikum im ausverkauften Offenbacher t-raum sitzt nicht daneben. Sondern goldrichtig.

Es ist eine gewaltige Entwicklung bis zur desillusionierten Frau, die Baumann zu bewältigen hat. Sie beginnt als naives Mädchen, das bloß singen will; „ich kümmere mich nicht um Politik“. Dafür kümmern die Nazis sich um die Jüdin, vertreiben sie aus Österreich ins schweizerische Exil. Auf dem Überseedampfer, der sie weiter in die USA bringt, hat Lola erste umjubelte Auftritte, bekommt Baumann ersten Zwischenbeifall. Am Ziel scheint ein Freudenhymnus angesagt. Pause.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten tingeltangelt Lola durch Clubs und Varietés – für Baumann glänzende Gelegenheit, unterschiedliche Stimmungen zu malen. Das Ende des Krieges ist ein guter Grund, sich zu besaufen, der Tourstress ist ein schlechter. Leider hat Lola vergessen zu vergessen, die alte Heimat und den jungen Leo, der sie am Baseler Bahnhof versetzt hat. So kehrt sie zurück nach Wien, wo die Leute tun, als wäre nichts passiert ...

Für dieses bitterböse Geschehen hat Kreisler witzig-wortverspielte Texte geschrieben, die an die große Zeit des Kabaretts in den Zwanzigern anknüpfen. Und Melodien ersonnen, die denen von Weill oder Hollaender nicht nachstehen. Das meiste Gelächter gibt es, wenn es um den ewigen Kampf der Geschlechter geht. Dann, wenn die Gesellschaft karikiert wird, bleibt es im Hals stecken.

Frank Geisler hat das zügig inszeniert, mit Schminktisch und spanischer Wand als Minimalkulisse, entworfen von Baumann, die heimlich von einem Glitzerkostüm (Elfie Haas) ins andere schlüpft. Er hat, die Dialekte wechselnd, auch alle übrigen Figuren eingesprochen, deren Stimmen vom Band ertönen, und besorgt mit Vicki Seltmann die Technik. Am Klavier ist Marcello Celona aufmerksamer, nie aufdringlicher Begleiter. Aber eigentlich hört und sieht man nur Sarah C. Baumann, die mit Mimik, Gestik, Sprache und Gesang die gesamte Bandbreite der menschlichen Emotionen hinreißend wiedergibt. „Und wird dafür von Zeitungen gelobt“, heißt es in einem Song über den Beruf des Bühnenkünstlers. Das sei hiermit geschehen!

MARKUS TERHARN

Weitere Vorstellungen am 2., 9. und 10. Mai

Quelle: op-online.de

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