Das Leben ist kein Foxtrott

+
Eine kesse Sohle legt Lily (Heidi Mahler) mit ihrem Tanzlehrer Michael (Axel Stosberg) aufs Parkett.

Frankfurt - Beinahe hätte es nicht geklappt mit den bei einer Agentur gebuchten „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“, die dem Stück von Richard Alfieri den Titel geben. Zu unterschiedlich sind Lehrer und Schülerin: Er jung, sie alt, er schwuler Tänzer, sie Witwe eines Baptistenpredigers. Von Astrid Biesemeier

Michael ist frech und verhält sich seiner Auftraggeberin gegenüber wenig servicebewusst. Lily ist eine Dame, die nicht als alte Schachtel behandelt werden will.

Dass die Tanzstunden dennoch stattfinden, liegt an der geteilten Freude an der Bewegung und daran, dass beide, wie sich herausstellt, bei allem Trennenden einige Gemeinsamkeiten haben: Beide tragen Verdrängtes mit sich herum, suchen Geheimnisse zu verbergen. Nicht zuletzt sind beide einsam und brauchen einander deshalb mehr, als sie sich eingestehen möchten.

Gerrit Schulze Uphoff hat für Volker Jecks Inszenierung am Fritz-Rémond-Theater im Frankfurter Zoo ein sparsam, aber gediegen eingerichtetes Wohnzimmer gebaut, von dessen Wänden Degas’ in Pastell gemalte Tänzerin dem Betrachter mehrfach ihren Blumenstrauß entgegenstreckt. Das große Fenster gibt den Blick auf Wolken und Sonnenuntergang frei.

Je nachdem, ob Tango, Walzer oder Freestyle auf dem Plan steht, gibt sich Axel Stosbergs Michael als feuriger Latino, Wiener oder Beach Boy. Doch er lässt zunehmend hinter die Masken blicken, wandelt sich vom Gigolo zum echten Freund. Heidi Mahler (Tochter von Heidi Kabel und dem Ex-Ohnsorg-Leiter Hans Mahler) verkörpert die Frau, die gelernt hat, in jeder Situation Haltung zu wahren. Da zeigt sie glaubhaft, dass es oft einen Grund hat, wenn jemand dies gelernt hat – in ihrem Fall Selbstverleugnung. So entfleucht ihr der eine oder andere Satz, den diese Frau vorher so nicht gesagt hätte.

Zwischen Songs wie „Bei mir bist du schön“ von den Andrew Sisters oder „Surfin’ USA“ von den Beac h Boys decken Michael und Lily nach und nach ihr Inneres auf. Die Tänze erscheinen bei aller mitreißenden Bewegungsfreude der Schauspieler leider wie an die Szenen gehängte Nummern. Doch der Witz des Stücks und der charmant im Clinch liegenden Tanzpartner nehmen das Publikum für sich ein.

Bei aller Komik hält das Stück die Einsicht parat, dass manchmal genau die Dinge, die man am liebsten aus dem Leben verbannen würde, dieses tief und schön machen. Und dass wir durch Narben, Verdrängungen und scheinbare Makel zu dem werden, was wir sind: Menschen. Und dass Leben mit allen Höhen und Tiefen gelebt, aber nie wie ein Swing, Walzer oder Foxtrott choreografiert werden kann.

Bis 6. März im Programm

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare