Das Leben ist keine Casting-Show

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Die Stadtmusikanten haben es mit einer tölpelhaften Bande zu tun.

Hanau - „Kikeriki, Ih Ah, Wauwau, und ein kräftiges Miau!“ Gern stimmten gerade die kleinen Zuschauer am Ende der Premiere zu den „Bremer Stadtmusikanten“ bei den Hanauer Märchenfestspielen in das Schlusslied ein und konnten erleichtert aufatmen, dass den vier armen Kreaturen der Tod erspart geblieben ist. Von Dieter Kögel

Stattdessen beschließen sie, auf das Casting für die gesuchten neuen Stadtmusikanten in Bremen zu verzichten. Schließlich sitzt da der böse „Dieter“ in der Jury, und von ihm abgekanzelt zu werden, darauf legen die vier Tiere wahrlich keinen Wert mehr.

Schlechte Erfahrungen mit Menschen haben sie zur Genüge gemacht. Drastisch schildert Michael Deckner, der für Buch und Regie des zweiten Märchens im Rahmen der 27. Brüder-Grimm-Festspiele verantwortlich zeichnet, wie aus ehemaligen Gefährten und Arbeitstieren unerwünschter Ballast wird, wenn die Kräfte nachlassen.

Wären da nicht der Ortspolizist mit Blaulicht auf der Dienstmütze (Detlev Nyga), witzig-unbeholfen um korrektes Beamtenverhalten bemüht, und der Förster Borkenkäfer mit Geweihschaufeln (Marc Ermisch). Beiden Amtspersonen geht das Schicksal der Vier- und Zweibeiner ans Herz, sodass die menschliche Gattung nicht ganz so schlecht weg kommt bei dem neu interpretierten Märchen aus der Grimmschen Sammlung.

Und die Tiere selbst, sie haben zu Beginn auch kaum etwas gemeinsam, außer der Angst vor dem Tod im Nacken. Und so bleibt es Aufgabe des eher geduldigen als störrischen Esels (Helmut Potthoff), die Streitigkeiten zwischen Hund (Claudia Brunnert), Katze (Nadine Buchet) und Hahn (Oscar U. Ehrlich) zu schlichten.

Die Tierfiguren faszinieren mit ihren gelungenen Kostümen aus der Werkstatt von Ulla Röhrs und unterschiedlichen Charakteren. Es ist ein langer Weg, ehe sie erfahren, dass ihrer Verschiedenheit eine Stärke ist, mit der sie die Räuber aus ihrem Haus vertreiben. Angst haben muss man vor dieser Diebesbande nicht. Im Gegenteil. Der Bandenchef im Kosakenkostüm (Benedikt Selzner), der schwärmerische und Pasta liebende Südeuropäer (Umberto De Bernardo) sowie die beiden chinesischen Diebe (Corinna Maria Lechler, Barbara Bach) sind Tölpel und haben neben Geld nur Essen im Kopf. Das Sprachgebaren der beiden asiatischen Gangster sorgt bei dem Quartett immer wieder für Irritation und bei den jüngeren Zuschauern für ausgelassene Heiterkeit.

Dass die Drehbühne, die den Blick ins Innere des Räuberhauses ermöglicht, die einzige Abwechslung im Bühnenbild ist und die Sprache das Spiel dominiert, stört kaum. Denn Wortspiele und Slapstick hielten die Zuschauer in jeder Minute bei der Stange.

Weitere Vorstellungen am 5., 17. und 29. Juni. Karten Tel.:  06181/24670

Die „Bremer Stadtmusikanten“ sind ein großer Spaß für die ganze Familie, der unaufdringlich zu Respekt und Achtung gegenüber anderen Lebewesen mahnt. Gerade dann, wenn die Erwartungen nicht mehr erfüllt werden. Minutenlanger Beifall der begeisterten Gäste waren der Lohn für eine kurzweilige Aufführung mit Witz, Charme und einer durchaus ernsthaften Botschaft.

Quelle: op-online.de

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