Leben als Kunstwerk

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Salomé-Porzellanfigur aus böhmischer Produktion.

Das „Gesamtkunstwerk“ mit ersehnter Einheit von Kunst und Leben ist wieder in aller Munde. Das war Ende des 19. Jahrhunderts ähnlich, als historistische Formzitate der jungen Künstlergeneration nicht mehr genügten. Von Reinhold Gries

In grundlegender Lebensreform wollten Kunsthandwerker in Paris, London, Prag und Wien wie auch in Berlin, München und Darmstadt heraus aus lähmender Fin-de-Siécle-Stimmung. Die 1896 gegründete Münchener Zeitschrift „Jugend“ prägte den Begriff des „Jugendstils“, den man in Österreich „Sezessionsstil“, in den USA „Modern style“, in Frankreich „Art nouveau“ und am Mittelmeer „Stile florale“ und „Stile liberty“ nannte. Aufbruchsstimmung vereinte sich mit einem „Zurück zur Natur“.

Ähnlich fühlt man derzeit im 25-jährigen Richard-Meier-Bau des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst, wo man sich während andauernder Außenhaut-Sanierung auch innen neu orientiert. Deshalb haben die Jungkuratorinnen Esther Klippel und Saskia Jung das Depot durchforstet. Nun präsentieren sie, einen Monat nach der Neueröffnung der Barockabteilung, Bekanntes und nie Gezeigtes aus dem Jugendstil und der folgenden Art-Déco-Epoche zwischen den Kriegen. Und das vor zartvioletten bis erbsgrünen Hintergründen.

Wegweisende Möbel wie Richard Riemerschmids Musikzimmerstuhl, Eugéne Gaillards Holzstuhl mit kunstvoll gepresstem Ledersitz und Johann Vincenz Cissarz’ Darmstädter Eichenstuhl bilden eine Galerie des Floralen. Die dort angeschlagene großbürgerliche Sprache ist auch van de Veldes imposanter Mahagoni-Anrichte und dem kostbar intarsierte Diehl-Toilettentisch eigen. Man legte eben großen Wert auf handwerkliche Perfektion und wollte sich von industriellen Massenprodukten absetzen. Noch stärker ins Auge sticht der Hang zu weiblichem Linienfluss. Den verkörperlichen der kostbar in Silber gefasste Elfenbein-Leuchter von Egid Rombaux ebenso wie verführerische Porzellane in der Art der böhmischen Salomé-Figur oder Walter Schotts Meissner Kugelspielerin.

Subtile Erotik mit hoher Ästhetik vereinen auch luxuriöse Schmuckobjekte wie René Laliques Anhänger „Mädchen am See“ mit Opalen, Brillanten und einer Perle. Viele solcher Stücke stammen aus Werkstätten in Nancy oder Paris und wurden bei der Pariser Weltausstellung 1900 gezeigt. Für französische Art nouveau stehen auch Emile Gallés opalisierende, edel geschliffene Glasvase oder Lucien Gaillards Steinzeugvase mit der Orchideenblüte. Dagegen wirkt Ludwig Sütterlins mattierte Vase mit roter und gelber Emailmalerei schlichter und lässt den Einfluss schlesischer Volkskultur spüren. Zum Museumspark hin ist eine ganze Jugendstil-Menagerie ausgebreitet, darunter Jens Dahl-Jensens Porzellan-Schneeeule mit Unterglasmalerei, Paul Walters farbiger Pfefferfresser-Papagei und Otto Pilz köstliche Meissner Affenkapelle . Der Jugendstil setzt augenfällig Traditionen barocker Tafelaufsätze fort, auch in Agathon Leonards vergoldeter Tänzerin.

Dauerausstellung im Museum für angewandte Kunst Frankfurt, Schaumainkai 17. Öffnungszeiten: Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag von 10-17 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

Die Zäsur des Ersten Weltkriegs ist nicht nur im Kunsthandwerk als kantiger Glasschnitt spürbar, nun drängen geometrisierende Bauhaus-Ideen und rationale Formen der Maschinenästhetik nach vorn. Seit der Pariser Ausstellung „Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ von 1925 nannte man das Art Déco, was im MAK durchaus vielfältig wirkt. Die Tendenz zu teuren und ungewöhnlichen Materialien prägt aber nicht nur Wilhelm Stahls aufwändiges Schachspiel aus Eiche, Ebenholz, Leder, Silber und Elfenbein. Ein fein gehämmertes und mit Elfenbeingriff versehenes bauchiges Silberservice kontrastiert mit expressiven Zick-Zack-Linien eines Teeservices.

Quelle: op-online.de

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