Romanfabrik

Leben in Literatur verwandelt

Etwas ist passiert, wenn die Rothschildallee plötzlich Karolingerallee heißt. Mit einem irritierenden Moment beginnt Stefanie Zweig ihre Lesung in der Frankfurter Romanfabrik. In ihrem neuen Roman „Die Kinder der Rothschildallee“ erzählt die Autorin die fiktive Geschichte des realen Hauses weiter, das sie bewohnt und dem sie schon mit „Das Haus in der Rothschildallee“ ein Denkmal gesetzt hat.

Nach Teil eins, der 1917 endet, springt die Schriftstellerin ins Jahr 1926, die Vorleserin gleich ins Jahr 1933. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten erleidet die jüdische Familie Sternberg beginnende Diskriminierung. An dem Publikum wohlvertrauten Orten wie Hauptwache, Rossmarkt, Schillerstraße lässt Zweig Hakenkreuzfahnen wehen, Hitlerbilder hängen und Pimpfe marschieren; nicht ohne darauf zu verweisen, dass sie dazu bestimmt sind, im Krieg zu fallen ...

Die nervliche Anspannung der neuen Situation verkörpert sich in Betsy Sternberg, die sich keinen Reim darauf machen kann, wieso sie beim Einkauf so zuvorkommend bedient wird. In Zweig-typischem Humor spottet Gatte Johann Isidor, die Deutschen seien „durchaus weiter bereit, unser Geld zu nehmen“. An diesem 73-jährigen Patrioten, „dessen ältester Sohn für Deutschland den Heldentod gestorben war“ und der sich am Tag des Boykotts auch seines Geschäfts als jüdischer Weltverbrecher bezeichnen lassen muss, verdeutlicht die Verfasserin Not und Verzweiflung auf erschütternde Weise; er „begriff, dass er Freiwild geworden war“.

Fragen der Zuhörer beziehen sich vor allem auf die Vita der 1932 in Oberschlesien geborenen, 1938 mit den Eltern nach Kenia emigrierten und 1947 nach Frankfurt gelangten Schreiberin. Leser ihrer autobiografisch gefärbten Erfolgsbücher „Nirgendwo in Afrika“ und „Irgendwo in Deutschland“ erfahren nichts Neues – die anderen lernen eine auskunftsfreudige Frau kennen, die ihre Lebens- in Literaturgeschichte ummünzt. MARKUS TERHARN

Quelle: op-online.de

Kommentare