Leben neben Botticelli

+
Ernst Wilhelm Nays „Rotklang“ steht für die Befreiung von der Gegenständlichkeit.

Es gibt ein Leben neben Botticelli. Vom zweiten Obergeschoss über den zentralen Kuppelsaal bis zum Gartenflügel im ersten Städel-Obergeschoss zieht sich ein bemerkenswertes Band der Gegenwartskunst. Vor der Umbauzeit zum letzten Mal. Von Reinhold Gries

„Konstellationen V“ nennt sich das Finale der bedeutenden Ausstellungsreihe durch die Kunst nach 1945. Das Kabinett zeigt Untypisches: Nichts hängt an der Wand, alles steht. Der Querschnitt durch die Skulpturensammlung des Städel wirkt dicht und raumfüllend. Für „Klassische Moderne“ stehen Köpfe und Stelen Michael Croissants, ein wohlausgewogener Sandstein-Kopf Hans Steinbrenners und drei Weißblech-Modelle des beide einst prägenden Städelprofessors Hans Mettel von 1965. Eduardo Chillidas „Amboss der Träume VII“ von 1959 verlässt die Welt des Modellierens und Herausmeißelns und biegt schmiedeeiserne Vierkanteisen zu abstraktem Raumklang. Nicht weit von Jonathan Meeses kalt glänzendem „Hagen von Tronje“ (2007) zerfleddert sich Bernhard Schultzes „Migof-Tor“ (1970).

Picassos „Femme accroupi“

Der Weg der Moderne von der Formvergewisserung zur Formauflösung ist auch im Kuppelsaal spürbar. Ernst Wilhelm Nays großformatiges Scheibenbild „Rotklang“ wirkte 1962 wie eine Befreiung von gegenständlichen Zwängen, während sein Ölbild „Gaea“ von 1950 noch mit ruhig geordneten Farb- und Formfugen experimentierte. Aus Amerika gekommener abstrakter Expressionismus inspirierte Bernard Schultzes Hochformat „Endymion“ (1955), kosmische Farbprozesse mit mystischer Stimmung vereinend.

Noch archaischer hat Emil Schumacher in „Salangan“ die pastos aufgetragene Farbe kraftvoll vermalt, geschüttet, gespachtelt und verwischt. Auch in Karel Appels „Porträt Emmanuel Looten“ gleicht das Farbrelief einem feurigen Naturereignis. Dagegen wirken informelle bis geometrische Farbenspiele wie Hann Triers „Fledermaus“ und Georg Meistermanns „Onoma“- Figuration fast wohlgeordnet.

Wolfgang Tillmanns Fotografien suchen den Weg zur Formlosigkeit, während Armin Boehms aus schwarzem Grund auftauchende Landschaft mit gegenständlichen Assoziationen spielt. Beim Umhergehen spürt der Besucher, dass er mit Ismen nicht weit kommt: Stilpluralismus und Individualisierung sind angesagt, so wie in Gerhard Hoehmes wuchtigem Schaukasten „Zimbal“.

Einen Stock tiefer trifft man bekannte Avantgardisten und Provokateure. Lucio Fontanas Schnittbild „Concetto Spaziale“ beschäftigt sich mit der Philosophie des blauen Nichts. Auch Georg Baselitz’ bedrohlich gemaltes Kopfgewurstel von 1963 hat etwas Gewalttätiges. Der Mensch der Nachkriegskunst scheint von Krieg wie von Gegenstandslosigkeit bedroht zu sein. Unvergleichliche Sinnbilder für Isolation und Angst sind Alberto Giacomettis „Grand nu assis“ (1957) und Francis Bacons Krankenschwester aus dem Film „Panzerkreuzer Potemkin“.

„Konstellationen V“ bis 7. März im Städel. Geöffnet: Dienstag sowie Freitag bis Sonntag 10 bis 18, Mittwoch und Donnerstag bis 20 Uhr.

Zu den Hauptwerken solch unbequemer Moderne gehören Werke Pablo Picassos: Seine zerspiegelte „Femme accroupi“ (1960) wirkt wie ein treffendes Kürzel verunsicherten Menschseins, auch sein monumentaler Bronze-Frauenkopf „Tête de femme“ ragt bedrängend in den Raum. Nach neuer Figuration wie in Eugen Schönebecks Porträts „Siqueiro“ und „Lenin II“ bringt das abschließende Kabinett den Gegenentwurf ästhetischer Unaufgeregtheit. In Josef Albers’ Farbquadraten, Victor Vasarelys Op Art und Hermann Glöckners „Gefalteten Streifen“ wird Geometrie zur Rettungsinsel – auch vor langen Besucherschlangen.

Quelle: op-online.de

Kommentare