Lebensräume in der kleinen Großstadt

Stadtansichten des Künstlers Ralph Zoller auf Leinwand und als Wandobjekt.Foto: Georg

Eine kleine Großstadt wie Offenbach hat gegenüber größeren Städten einen Vorteil: Endlos zersiedelte Vororte gibt es nicht, allerdings viel „Nichtästhetik“ in der Übergangszone, die man „Stadtrand“ nennt. Dies ist das Revier des Malers Ralph Zoller, wie dies schon in den 20er bis 50er Jahren bei der Künstlerkolonie Bachstraße war.

Erstmals hat das Haus der Stadtgeschichte historische Bachstraßen-Bilder im Stil der Neuen Sachlichkeit Zollers neorealistisch-ironischer „Stadtrandmalerei“ gegenübergestellt.

Da ist zum Beispiel Adolf Bodes stimmiges Ölbild zum Bahnübergang Bieberer Straße mit Zollers Acryl-Szenerie zur Eisenbahnbrücke am Güterbahnhof zu vergleichen. Die gemalte Stadtlandschaft hat etwas Provisorisches. Das Zusammengehen von Industrie und Natur ist typisch für hiesigen Stadtrand, auf Bachstraßen-Bildern ebenso malerisch wie bei Zoller. Während dieser der großen Produktionshalle auf dem ehemaligen Hoechst-Gelände Monumentalität abgewinnt, schweift Gottfried Richters „Blick vom Buchhügel“ eher von fern über die Schlotlandschaft der 50er Jahre. Die durchaus malerische Silhouette der Industriestadt ist weitgehend verschwunden, riegelartige Wohnblocks von damals finden in Zollers farbfrischen Gemälden „Mainzer Ring“ und „Panorama Böcklersiedlung“ neue Wertigkeit. Dazu sprechen seine Architekturstaffelungen zum Bebauungsgebiet um die Ernst-Reuter-Schule samt „Y-Haus“ Bände zum heutigen Wohnungsbau.

In seiner künstlerischen Feldforschung ist ihm auch in der Schrebergartenzone um seinen Wohnort Bürgel nichts zu banal oder wertlos. Da steht zum Beispiel ein Wohnwagen in einem Feld, dessen Satellitenantenne vor Nachthimmel beinahe wie der Mond schimmert. In anderen Sujets, malerisch perfekt stilisiert, geht’s von der Holzveranda eines Reihenhauses zu vorgefertigten Plastikklettergerüsten im kleinbürgerlichen Garten. Eine große Palette an Gartenhäusern bietet Zoller dem Betrachter an. Unter seinem subtilen Gefühl für Farben und Formen, Licht und Schatten gedeihen sogar unerträglich geballte neue „Datschen“ am Buchhügel zu beinahe idyllischen Vorstadtvillen vor künstlich blauem Himmel. Selbst „Vier mobile Wohneinheiten“ geraten in Farbfeld-Reihung zum Kabinettstück.

Andere aus Wellpappe oder der Wand herauswachsende perspektivische Haus-Objekte greifen diese Vorlagen auf – entfremdetes Spielzeugland. Ein pultartiges großes Raumobjekt aus aufgemalten Brettern mit dem Titel „Souffleur“ könnte eine Wetterstation sein oder ein Rednerpult. Möchte man Objekte wie den „Wohnwagenkoffer“ allzu gern anfassen, so schaffen neue Bildtafeln durch vorgeschaltete Maschendrahtzäune, eingefügte Farbfelder und Querriegel Distanz. Schräg-illustre „Idyllen“ und „Hütten“ sowie die bebilderte Anzeige „2 FH zum Freundschaftspreis“ sind aus dem Leben gegriffen. REINHOLD GRIES

„Stadtrandansichten – Ralph Zoller und die Bachstraße“ bis 26. April im Haus der Stadtgeschichte Offenbach. Geöffnet Dienstag, Donnerstag und Freitag 10 bis 17, Mittwoch 14 bis 19, Samstag und Sonntag 11 bis 16 Uhr.

Quelle: op-online.de

Kommentare