Die Freuden des Pariser Lebens

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Farbtupfer im Grau: Octave ( Alexander Spemann) und Eva ( Vida Mikneviciute).

Mainz - Die „Geister von Montmartre“ mögen’s deftig: Wie skurrile schwarz-weiße Lemuren streifen sie durchs provinzielle Brüssel und feiern doch höchst vital. Cancan tanzen sie, sind überhaupt jedem menschlichen Vergnügen zugeneigt. Von Axel Zibulski

Der sie beschwört, heißt Octave Flaubert, kommt aus Paris, ist gerade Fabrikbesitzer geworden und als solcher wahrscheinlich kaum erfolgreich. Geld wirft er unter die Arbeiter, frei gibt er ihnen. Ein Lebemann, der die Freuden des Pariser Lebens einfach nach Brüssel importiert.

Als Franz Lehárs Operette „Eva“ 1911 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde, stellten sich dem Volk „die sozialen Fragen des Tages“, wie der Komponist seinerzeit notierte. Beim Arbeiter-Aufstand, den Lehár in seinem einstigen Erfolgsstück zeigt, geht es der Menge zwar vordergründig nur darum, die von Octave verführte Eva heraus zu verlangen. Die Stimmung beim Sturm auf die Villa ist dennoch revolutionär, wie es auch Cordula Däuper in ihrer Neuinszenierung des Werks im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters andeutet. Geprägt ist der Dreiakter zugleich von einigen der attraktivsten Melodien Lehárs, von einer so flott wie lebendig erzählten Operetten-Geschichte. Man wünscht sich, dass die Wiederentdeckung zu einem solchen Publikumsrenner wird, wie es die Begeisterung nach der Premiere versprach.

Das Glück in der Glasfabrik ist ein fragiles: „Nicht fallenlassen“ fordert eine riesige Banderole im Einheits-Bühnenbild von Jochen Schmitt, mit transparenten Außenwänden zugleich Vorhalle der Brüsseler Fabrik wie später Pariser Wohnung von Evas Freundin Pipsi. Als Exot im giftgelben Anzug (Kostüme: Justina Klimczyk) tritt Octave ins Einheits-Grau der Arbeiter, gebügeltes Grau trägt auch der gescheitelte Buchhalter Prunelles, Prototyp eines flink dienenden Sachwalters mit heimlicher Liebe zu zwielichtigen Etablissements. In Cordula Däupers Inszenierung ist dieser Prunelles heimliches Zentrum, und Schauspieler Joachim Mäder spiegelt in dieser Rolle die turbulent in Bewegung kommenden Moralvorstellungen wider, referiert buchstabentreu eine heiße Liebesszene aus dem Libretto, blickt als grandioses Operetten-Faktotum für uns auch hinter den geschlossenen Vorhang („Das wollen Sie nicht sehen!“). Dass Komik nicht nur Klamauk und schon gar nicht Klamotte bedeuten muss, beglaubigt Mäder ebenso vorzüglich wie Cordula Däupers Regie.

Nächste Vorstellungen am 13. und 17 November sowie am 2., 12., 18., 20., 25. und 31 Dezember

Große Operette bietet Cordula Däuper dennoch. Üppige Kostüme, Walzer, Tempo und sogar, in sanfter Ironie, wunderschönen Kitsch: „Just Married“ und „Happy End“ umschleift es am Ende zwei glückliche Paare. Octaves Begleiter Dagobert (Thorsten Büttner) hat sich mit der auch vokal kräftig auftrumpfenden, kühl kalkulierenden Pipsi von Tatjana Charalgina vereinigt. Ebenso finden Octave und Eva zusammen, ohne dass zuvor ein einziger überflüssiger Kalauer gefallen wäre: Alexander Spemann gelingt das Kunststück, in Mainz zur Zeit als Wagner-Tenor ebenso zu überzeugen wie nun als geschmeidiger, leichter, melodiensprühender Octave. Vida Mikneviciute präsentiert in der Titelpartie nicht weniger Charme, Eleganz, Witz. Dass fürs Ohr so viel geboten wird wie fürs Auge, garantiert Sebastian Hernandez-Laverny, der mit dem Philharmonischen Staatsorchester und dem bald auch kompakten Chor enorm viel Schwung, Leichtigkeit vermittelt. Diese „Eva“ verspricht zweieinhalb höchst kurzweilige, ideenreiche, farbige Operetten-Stunden.

Quelle: op-online.de

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