Mozarts „Don Giovanni“

Lektion mit dem Sturmgewehr

Mainz - Wieder schickt Tilman Knabe Soldaten auf die Bühne. Und wieder regeln sie, das Maschinengewehr am Anschlag, die Verhältnisse im christlich-muslimischen Hochspannungsfeld eines südlichen Polizeistaats. Von Axel Zibulski 

Richard Wagners „Tristan und Isolde“, auch „Elektra“ von Richard Strauss hat Regisseur Knabe unter ähnlichen Vorzeichen im Staatstheater Mainz inszeniert. Jetzt nahm er sich Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ vor und gab damit einer szenisch-musikalischen Premieren-Pleite den Rahmen. Wir müssen uns, so lässt es Knabe im Programmheft verstehen, Don Giovanni als einen Menschen vorstellen, der Machtverhältnisse ins Absurde führt. Ein moderner Julian Assange vielleicht, in dessen Look er sich tausendfach in der Damenwelt bedient, ohne dabei selbst von Donna Elviras blutverschmiertem Baby bewegt zu werden. So treibt er sich in einem ziemlich frei erfundenen politischen Umfeld herum, in dem der Mord am tyrannisch-christlichen Komtur (José Gallisa) aus dem Off statt von ihm selbst verübt wird. Donna Anna, Tochter des Komturs, strebt nach Macht. Und ein heruntergekommenes Hotel bildet im Bühnenbild von Wilfried Buchholz die Klammer: Irgendetwas zwischen „Psycho“-Motel, Puff und Planzentrale eines Terrorregimes.

Wo Mozart und Librettist Lorenzo da Ponte innere und äußere Konflikte ausfechten lassen, nimmt Tilman Knabe das Sturmgewehr. Don Ottavios Arie „Dalla sua pace“ bricht in einer der zahllosen Gewehrsalven ab, die aus Lautsprechern peitschen. Solche heftigen Eingriffe in die Musik zu legitimieren gelingt Knabe nicht ansatzweise. Dazu gibt’s Regietheater-Versatzstücke der abgeschmacktesten Sorte: Hektische Presse-Fotografen, Monitore, Wandpinkeln, Handy-Klingeln und so weiter. Neu könnte sein: Brustbemalung im „Femen“-Stil.

Große Kritik an Regisseur Knabe

Noch bedauerlicher: Mit all ihren Grobheiten scheint die Regie, die keine Charaktere entwickelt und auch sonst wenig Lust auf Mozart zu haben scheint, die musikalische Seite angesteckt zu haben: Generalmusikdirektor Hermann Bäumer dirigiert so schlecht wie noch nie in Mainz und schlägt einen schnelleren Ton an, als es dem Ensemble gut tut. Die Schnitzer im Orchester reihen sich, der Chor singt ungehobelt, die Ensembles scheren auseinander. Und die Solisten bleiben fast alle unter ihren Möglichkeiten, abgesehen von Patricia Roach, die durch all den szenischen Tand eine tief profilierte Donna Elvira durchdringen lässt. Tatjana Charalgina verhudelt als Donna Anna ihre Höhen, Thorsten Büttner forciert als trocken-tenoraler Don Ottavio, Hans-Otto Weiß sprechsingt den Leporello. Heikki Kilpeläinen, der in Mainz unlängst einen großartigen Verdi-Macbeth präsentiert hat, bleibt in der Titelpartie des jung ergrauten Don Giovanni vokal erstaunlich profillos, nicht fies, nicht verführerisch, nichts dazwischen. Natürlich hat ihn da auch Regisseur Knabe im Stich gelassen, der immerhin weiß, wie man Klischeebilder alkoholkranker Obdachloser bemüht. Zwischen ihnen nämlich findet sich das Bauern-Paar Zerlina (Saem You) und Masetto (Richard Logiewa) wieder. Ach ja: Das Schluss-Ensemble vor dem Vorhang ist gestrichen. Schon lange in Mainz nicht mehr so viele „Buh“-Rufe für die Regie gehört.

Quelle: op-online.de

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