Rolf Riehms „Sirenen“ an der Oper Frankfurt uraufgeführt

Letzte Irrfahrt für Odysseus

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Musikalisch deftig und mit zirzensischem Anstrich kommen Riehms „Sirenen“ auf die Frankfurter Bühne.

Frankfurt - Bilder des Begehrens und des Vernichtens nennt der Frankfurter Komponist Rolf Riehm im Untertitel sein Werk. Von Klaus Ackermann

Entsprechend kräftig und auch musikalisch deftig geht es zur Uraufführung seiner „Sirenen“ auf der Frankfurter Opernbühne zu, die Odysseus’ letzte Irrfahrt in packenden Szenen sogar mit zirzensischen Anstrich zeigt, vom Hamburger Tobias Heyder eingerichtet. Bestens zurecht mit dem komplexen Opern-Klanggut kommt das vom Briten Martin Brabbins geleitete Opern- und Museumsorchester. Und mit Michael Mendl sorgt ausgerechnet ein Schauspieler in der Oper für starke Momente.

Sie sind allesamt verletzt, diese Helden, deren Geschichten nicht linear, sondern in gedanklichen Assoziationen erzählt werden, zu denen die Romantikerin Karoline von Günderode, die griechische Lyrikerin Sappho und Reiseautorin Isabell Eberhardt Texte beisteuern. Im Prolog taumelt der aktuell gewandete Odysseus mit einer Sektflasche über die Bühne und wird gnadenlos vom eigenen Speer durchbohrt - von seinem Sohn Telegenos geschleudert, den er mit Kirke zeugte, die er längst vergessen hat.

Schneidende Spitzentöne und intensiver Ausdruck

Mit schneidenden Spitzentönen und intensivem Ausdruck beklagt die Göttin nun ihr Schicksal, von Sopranistin Tanja Ariane Baumgartner ideal gesungen, die sich gegen die sirenenartige Bühnenmusik zu behaupten versteht und dabei ihre erotische Sehnsucht mit alltäglichen Verrichtungen kompensiert, während das Kind Telegonos (Paul Herholtz) mit dem Speer spielt. Doch Odysseus, tödlich verwundet, von dem in der Höhe noch zu stimmlicher Leidenschaftlichkeit fähigen Countertenor Lawrence Zazzo gedoppelt und von Telegonos begleitet, zieht es wiederholt zu den Sirenen, denen er entkam, als er sich an den Mast seines Schiffs binden ließ. Für diese Männer mordenden und verzehrenden, Marilyn Monroe ähnlichen Frauen, die glamourös auf einer Treppe posieren (Ausstattung: Tilo Steffens, Kostüme: Verena Polkowski) und beim neuerlichen Misserfolg zu alten Frauen mutieren, hat Riehm im englisch gesungenen „Siren Song“ viele reizvolle Töne gefunden, ein auch in Vokalisen sattsam changierender Chor der stimmlich perfekten Sarah Maria Sun, Annette Schönmüller, Frauke Burg, Britta Stallmeister, Barbara Zechmeister, Nina Tarandek, Maria Pantiukhova und Jessica Strong, assistiert von einer Artistin (Antje Mertens), die sich an einem Schal in Bühnenhöhe hangelt.

Weitere Aufführungen am 21. und 26., September sowie am 2. und 4. Oktober, jeweils 19.30 Uhr, im Opernhaus am Willy-Brandt-Platz. Karten gibt es unter Tel.: 069/21249494.

Riehm, der auch milde harmonische Streicherausflüge unternimmt, der fürs Archaisch-Griechische Holzbohlen stampfen, eine singende Säge mit Kesselpauken-Begleitung sowie Akkordeon und Klavier auf der Bühne ertönen lässt, setzt vor allem auf plötzlich auftauchende und wieder verschwindende klangliche Samples, die er final zu einer Art grandiosen Passacaglia bündelt, wenn sich Odysseus‘ Schicksal in gleißender Bühnenhelle vollzieht.

Der ist immerhin 90 Minuten lang gestorben – was für die Darstellerkraft des schon als Willy Brandt im Fernsehen beeindruckenden Michael Mendl spricht, der auch im Hades nichts von Göttin Kirke wissen will, die in der Unterwelt mit einem Champagnerglas lockt - und den gemeinsamen Sohn spontan ohrfeigt. Der unselige Telegonos (schauspielerisch stark: Dominic Betz) muss dann auch noch die Hüllen fallen lassen. Mag sein, dass diese existentielle Blöße Grund für die anhaltenden Beifall übertönenden Buhrufe war. Riehm meinend, waren sie zumindest völlig überflüssig.

Quelle: op-online.de

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