Die letzten Menschen in einer postapokalyptischen Welt

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Der namenlose Mann (Andreas Uhse) kommuniziert mit einer Maschine.

Frankfurt - Der Vorhang am Fenster, rot und samten, ist geschlossen. Als er geöffnet wird, zeigt sich, dass das Fenster mit Brettern vernagelt ist. Von Stefan Michalzik

Ein kahlköpfiger, mit narbigem Gesicht samt rot geränderten Augen monströs anmutender Mann haust in der Kammer. Wie Krapp in Samuel Becketts „Das letzte Band“ sitzt er an einer mechanischen Gerätschaft, bei der es sich in diesem Fall indes um eine aufgeschraubte Nähmaschine zu handeln scheint, nicht um ein Tonbandgerät.

Ein Stück über die Erinnerung ist „The Small Things“, 2005 in London uraufgeführter Dialog des irischen Dramatikers Enda Walsh, den der junge Regisseur Alexander Frank für die Box des Frankfurter Schauspiels inszeniert hat. Wie zu sich redet der Mann, Andreas Uhse, von Erlebnissen der Kindheit wie Besuchen im Freibad. Eine Frauenstimme aus dem Off, aus seiner Imagination geboren oder schlicht aus einem anderen Raum, stimmt in den Erinnerungsreigen ein.

Diese Kindheit ist keine ungetrübte Idylle gewesen. Eines Tages wurden alle Menschen im Dorf zusammengetrieben und ihre Zungen abgeschnitten. Einzig der Mann und die Frau sind entkommen. Sie sind die letzten, die sich der Kraft der Worte bedienen können. Die letzten Menschen in einer postapokalyptischen Welt. So reden sie über die kleinen Dinge ohne Zahl, die in Erinnerung geblieben sind. Um den obsessiven Blick und den verbotenen Griff des Kindes an die Mutterbrust geht es, um die im Kindesalter aufkeimende Liebe des Paares, dessen weiblicher Teil, Sandra Gehrling, erst zur Verbeugung auf der Bühne erscheint, im Mantel wie der Mann, der sich zudem in Decken hüllt.

Das Trauma einer von Gewalt geprägten Kindheit verlängert den Schrecken und das Gefühl von Kälte. Walsh, der vor gut zehn Jahren mit „Disco Pigs“ international für Furore sorgte und auch auf deutschsprachigen Bühnen allüberall gespielt worden ist, zeichnet sich wie die 1999 durch Suizid umgekommene Sarah Kane und Mark Ravenhill, die anderen wichtigen Vertreter einer Welle junger britischer Schockdramatiker, durch perfekten Bau seiner Stücke und glasklare Zeichnung der Verhältnisse aus.

Weitere Vorstellungen: 7. und 9. Januar, 5. Februar

Zeigen, wie es ist. Dafür braucht Alexander Frank nicht Lärm und Furor, Kennzeichen der meisten Inszenierungen anderer Stücke von Walshs Generationsgenossen. „The Small Things“ ist ein leises Stück, und leise ist die Inszenierung. Regelrecht konservativ, bewusst handwerklich mutet sie an – zu ihrem Besten. Anna Dischkow hat einen Guckkasten in die Box gesetzt; eine Lösung, die im produktiven Widerstreit zum offenen Raum steht. Diese kleine, konzentrierte Arbeit nimmt mit unaufdringlicher Eindrücklichkeit für sich ein.

Quelle: op-online.de

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